“Ich bin eher Freilandhuhn”

Nora Tschirners neuer Film heißt “Gut gegen Nordwind”. Aber was versteht sie eigentlich von Wind und Wetter?

Interview: Ilona Gerdom, Johannes Mitterer; erschienen in: JWD #14/2019

Nora, du bist in Berlin-Pankow aufgewachsen und lebst noch heute in Berlin. Wenn man deine Biografie anschaut, bist du das totale Stadtkind. Wann warst du das letzte Mal richtig in der Natur?

Nora Tschirner: Heute morgen. Ich habe in der Nacht eine Sternschnuppe gesehen, hatte einen fantastischen Sternenhimmel über mir, Tiere um mich und Dreck überall. Ich sehe sehr viel Natur.

Wo warst du da?

Auf einem Hof in Brandenburg, mit Wäldern drumherum, wo sich viele Tiere und Menschen gemeinsam aufhalten. Aber es muss kein spezieller Ort sein.

Was zieht dich an der Natur an?

Das ist die Lebenshaltungsform, die mir für Menschen am meisten einleuchtet. Ich bin eher Freilandhuhn. Ich liebe es, wenn alles krumm und schief ist. In der Stadt bin ich nur noch selten.

Hattest du als Kind das Gefühl, dass dir in der Stadt etwas fehlt?

Ja, aber eher unterschwellig. Als Kind lernt man ja schnell, über die inneren Stimmen hinwegzugehen und denkt, das müsse alles so sein, wie die Großen sagen. Als ich dann mit Mitte 20 angefangen habe, mich zurückzuerinnern, wo es mir am besten ging, war das immer mit einer Hand in irgendeinem Fell, mit den Knien im Dreck und mit Wind um die Nase. Und als ich dann noch gemerkt habe, huch, ich kann ja mitgestalten an meinem Leben, habe ich es immer weiter rausverlagert. Heute hab ich schon das Gefüh, ich mache mich stadtfein, wenn ich nach Berlin fahre.

Gibt es eine bestimmte Art von Natur, die dich reizt?

Wald. Seit Ronja-Räubertochter-Tagen schon. Die Kühle, gemischt mit einer Lichtung und einem Bach, da könnte ich sofort anfangen zu heulen.

Spielt für dich beim Rausgehen das Wetter eine Rolle?

Ja, aber nicht wie für die meisten Leute, die dann nicht rausgehen. Ich finde es herrlich, dass es so unterschiedliches Wetter gibt. Ich war immer eher der Typ, der in der krassen Kälte unterwegs ist. Das muss dann auch nicht tolles Schneewetter sein. So ein richtiges Mistwetter finde ich super. Hitze konnte ich lange nicht aushalten. Mittlerweile genieße ich auch das – dass man innerhalb von einer Sekunde schweißgebadet ist und überall der Dreck klebt.

Bist du auf alle Wetterlagen vorbereitet?

Ich liebe gute Ausrüstung, aber eher auf pragmatische Art. Ich hasse nichts mehr, als wenn ich eine Unternehmung abbrechen muss, weil ich oder jemand anderes nicht richtig angezogen ist. Da habe ich Zero Tolerance. Ich finde das ganz schlimm, wenn man denkt: “Geil, Wandern!” Und nach einer halben Stunde jammert einer über eine Blase. Alter, what the fuck! Das kann ich mir auch selber schwer verzeihen. Deswegen bin ich meist richtig angezogen, egal wofür.

Gab es mal einen Moment, in dem dir das Wetter zu krass wurde?

Ich war mal auf einer Hundeschlittentour, da waren minus 20 Grad und Schneesturm. Als ich da morgens rausging, dachte ich, ich werde sofort sterben. Dann haben mir Leute vor Ort gezeigt, wie man sich anzieht, mit Ledernasenschutz und drei Lagen Schal über den Ohren. Das war wie ein Raumanzug, ich hab den Sturm nicht mal mehr gehört. Komplett geschützt in einem lebensfeindlichen Umfeld zu sein, zu wissen, dass man sich auch gegen solche Temperaturen wappnen kann, das war das beste Gefühl von Freiheit.

Also bevorzugst du Abenteuerurlaube?

Früher habe ich alles mitgenommen, heute bin ich nicht mehr s ein Draufgänger. Aber Aktivität ist schon toll. Ich habe lange nicht verstanden, warum Leute an den Strand fahren, um zu braten. Als Kind hockte ich immer unter Büschen im Schatten, wenn wir in Griechenland waren. Da bin ich cooler geworden.

Was bedeutet Abenteuer für dich?

Abenteuer ist für mich gar nicht so was Ungewöhnliches. Dafür muss ich nicht an einer Klippe hängen. Es ist einfach etwas Unroutiniertes, etwas Neues. Das können auch kleine Sachen sein, dass ich mich im Alltag einem Dialog stelle, mit einem grummeligen Typen bei Edeka zum Beispiel. Dass ich da dranbleibe und plötzlich ein Level knacke in der Kommunikation, fällt für mich auch in die Kategorie Abenteuer. Also auch innere Vorgänge. Deswegen habe ich das Gefühl, mein Leben ist durchweg abenteuerlich, aber auf entspannte Art.

Wie motivierst du dich für Neues?

Brauch ich nicht. Ich bin einfach unfassbar neugierig und finde die Welt sehr spannend. Ich muss mich eher motivieren, Netflix zu gucken.

Was hast du als letztes gelernt, das wirklich neu war?

Wie man bei einem Pferd Fieber misst.

Und wie macht man das?

Wie beim Menschen. Es ist das gleiche Thermometer, nur die Herausforderungen sind andere. Das Worst-Case-Szenario ist, dass das Tier wegläuft und das Thermometer plötzlich nicht mehr in deiner Hand, sondern im Pferd steckt. Das wollen wir vermeiben, neben: Das Pferd findet dich unsympathisch und kickt dich weg.

Misst man von hinten, von vorn oder unter der Achsel?

Man hofft am Anfang, dass es die Stirn, das Ohr oder die Achsel ist, aber ist der Po. Eine Sache, von der ich nicht mehr erwartet hätte, dass ich das noch mache.

Wie ist die perfekte Temperatur beim Pferd?

Bisschen höher als bei uns, so 38 Grad dürfen die noch haben. Dieses Pferd hatte 37,3 Grad, das war okay.

Wir sind froh, dass wir das geklärt haben.

Ja, wenn ihr mal bei einem Pferd nicht genau wisst wegen Fieber, dann einfach durchklingeln.

Zurück zum Wetter. Ein Phänomen haben wir vergessen: Wind.

Ich habe tatsächlich ein echtes Problem mit Wind. Der stresst mich ziemlich. Nach einem windigen Tag am Meer brauche ich zwei Tage, um den aus dem System zu kriegen. Das ist wie für andere Leute ein Tinnitus. Dieses Gezerre, die Unruhe. Ich halte das aus, aber es ist nicht mein Lieblingselement.

Hast du einen Trick, wie du dich dagegen wappnest?

An den Strand würde ich immer einen Windschutz mitnehmen. Und Kapuze aufsetzen, damit um den Kopf alles zu ist. Oh Gott, ich bin ja völlig neurotisch – am besten wäre die Kluft von damals beim Hundeschlittenfahren, Ledernasenschutz, Schweißerbrille, drei Schals, so die leichten Sachen (lacht). Neeeein, ich habe überhaupt kein Problem mit Wind, und ich habe auch keine Tricks, ich bin sooooo ein Draußentyp, ich liebe Wind!

In deinem neuen Film “Gut gegen Nordwind” spielst du die verheiratete Emmi, die sich durch Zufall in einen anderen Mann verliebt, und zwar per E-Mail. Emmi liegt nachts oft wach, sie schiebt das dann auf den Nordwind, der beim Fenster reinkommt, und schreibt dann diesem Mann. Metaphorisch hält sie aber nicht der Wind wach, sondern ihre Einsamkeit.

Ich glaube, es ist beides. Der Wind nervt sie wirklich, unsere Befindlichkeiten ähneln sich da. Ich finde das übrigens eine sehr ambivalente Szene, weil man denkt: Meine Fresse, dann wechsle halt das Zimmer! Gleichzeitig geht es natürlich genau darum, man will ja auch mal derjenige sein, der einfach mal nicht weiß, wie etwas geht. Das ist schon auch berührend. Die Metapher wäre für mich eher, dass man in bestimmten inneren Mustern irgendwann durch Kontakt mit jemandem bestimmten zum ersten Mal weiterkommt. Ich habe das erlebt in Beziehungen, dass ich dachte: Hier hören die anderen auf, und hier fange ich an. Ganz klar. Und dann hast du eine Begegnung mit jemandem, und du merkst, krass, das war eigentlich eine Blockade, eine Gewohnheit, ein Muster, und das bröckelt gerade, und man hat so eine neue Freiheit. Emmi kommt plötzlich in Kontakt mit diesem Einsamkeitsfragezeichen in sich, das sie ohne Leo nicht spüren, nicht lösen konnte, selbst in ihrer Familie nicht, weil es diese Gesprächsebene mit ihrem Ehemann schon lange nicht mehr gab.

Kennst du das auch, dass du Gefühle oder Bedürfnisse an einen konkreten Sachverhalt koppelst, so wie Emmi ihre Einsamkeit im Wind spürt?

Ja. Aber auch im negativen Sinne. Zum Beispiel habe ich eine totale Angst vor Rollschuhfahren, die nichts mit Rollschuhfahren zu tun hat, sondern mit so einer Kontrollsache und mit – was weiß ich – meinen Knöcheln. Irrationaler Quatsch, der an so Zeug gekoppelt ist, wo es dann spannend ist weiterzufragen: Was ist denn das eigentlich?

Hast du eine Theorie, wo deine Angst vor dem Rollschuhfahren herkommt?

Ja, aber die möchte ich bitte lieber mit meinem Therapeuten besprechen. Oh Gott, wenn man damit anfängt… Das bringe ich mal als Buch raus. Aber ihr dann alle auch, bitte! Wahrscheinlich sagt jetzt jeder Therapeut: “Aha, Angst vor dem Rollschuhfahren, ganz klar, steht ih meinem Seelenbuch direkt auf Seite eins, das kann ja nur das und das sein.” Zum Glück lesen das nicht nur Therapeuten. Die anderen denken immer noch, ich bin ein bisschen normal…

Falls uns da irgendwelche Antworten erreichen, können wir diese sehr gerne weiterleiten.

Haha, ja, das ist mir immer ganz lieb, wenn mir völlig fremde Leute helfen, meine Probleme zu lösen: “Also ich glaube, die Nora hat ein Problem mit Nähe, aber just saying…”

Ewige Jagdgründe

Wer die Gams im Hochgebirge erlegen will, muss fit sein, hervorragend schießen und vor allem: Geduld haben. Deshalb zählt die Gamsjagd
in den Alpen zu den anspruchsvollsten Jagddisziplinen. Unterwegs über Stock und Fels in den österreichischen Bergen

Text: Johannes Mitterer, erschienen in: BEEF! Spezial Bayern (11/2017)

Für einen kurzen Moment steht die Gams still, schnüffelt und lauscht. Sie weiß, da ist jemand in ihrem Revier, jemand Fremdes. Sie hat es gerochen, vorhin, als der Wind gedreht hatte. Dann ist sie geflüchtet, ein kurzes Stück, quer über das Geröllfeld, durch die Schneerinne und über den Hang wieder hoch Richtung Gipfel. Nur ein paar Meter liegt sie zurück hinter ihrem Rudel. Sie ist alt, das Fell auf ihren Backen grau, aber ihr Körper ist kräftig und noch gut in Schuss. Ein, zwei kurze Sätze, und sie steht oben auf dem Felsen, der etwas aus dem Berg hervorragt: ein guter Aussichtspunkt, um sich neu zu orientieren. Sie macht kurz Pause, schnüffelt, aber der Wind hat wieder gedreht, der fremde Geruch von vorhin ist verschwunden. Sie blickt nach unten, aber nichts bewegt sich. Sie lauscht, aber einen Knall hört sie nicht.

VORBEREITUNG

Am Abend zuvor in Zederhaus, einem 500-Einwohner-Dorf rund 100 Kilometer südlich von Salzburg. Markus Meindl lädt die Ausrüstung für die Gamsjagd aus seinem grauen Porsche Cayenne, bei der wir, ein Reporter und ein Fotograf, ihn und seinen neunjähringen Hund Romeo begleiten werden.

Seit 15 Jahren geht Meindl schon „Jagern“, wie man in Bayern sagt, wenn man „zur Jagd“ meint. Jagern ist in Bayern Tradition, und einer wie Meindl, der hauptberuflich edle Lederhosen herstellt, hält diese Tradition natürlich hoch. Vor allem aber ist Jagern für Meindl eine Leidenschaft, die er mit Freunden teilt. Und es ist eines jener Abenteuer, die es heute kaum noch gibt, in einer Zeit, in der viele Fleisch nur aus dem Supermarkt kennen. Meindl, breites Kreuz, muskulöse Arme und ein grauer Dreitagebart als einziges Indiz für 45 Lebensjahre, ist einer, der sich noch unter den Abenteuern die größten heraussucht. Die Gamsjagd im Hochgebirge gehört dazu.

Weiter geht es mit dem Pistenfahrzeug, das Markus Meindl in Zederhaus auf dem Bauernhof seines Aufsichtsjägers Matthias Moser geparkt hat. Moser verwaltet mehrere Reviere in dieser Region, darunter auch Meindls, er kümmert sich um die Pächter, achtet auf die Einhaltung der Abschuss- quoten, überprüft jeden einzelnen Abschuss. Nacheinander schichtet Meindl das Equipment auf die Ladefläche des Yamaha Rhino, ein dunkelgrünes Geländefahrzeug mit Doppelsitz und Überrollbügel: 1. hochalpine Bergschuhe, Rucksack, warme Kleidung; 2. Regenkleidung, das Wetter soll schlecht werden; 3. ein Wanderstock aus Weidenholz; 4. Plastiktüten voller Brotzeit: Käse, Leberkäse, Speck, Salami, Brot und Eier, Essiggurken, Pfefferoni und Senf; 5. Fernglas mit Entfernungsmesser und Spektiv, einer Art Fernrohr; 6. zwei Gewehre von Blaser, einem Jagdwaffenhersteller aus dem Allgäu: „die Kleine“, so nennt sie Meindl, eine K 95 Kipplaufbüchse, 270er-Kaliber, drei Kilo schwer, und „die Große“, eine R8 Geraderepetierbüchse, mit Vier-Schuss-Magazin und 300er-Kaliber, sechs Kilo. Beide aus Wurzelholz gefertigt, mit großen Zielfernrohren auf dem Lauf.

Meindl hat seine beiden Büchsen seit zehn Jahren, er hat jeden Handgriff tausendmal gemacht, öfter zur Übung, oft genug auch zum Abschuss. Trotzdem hat er bei der Anfahrt einen Zwischenstopp am Schießstand der Salzburger Jägerschaft eingelegt, einem flachen Zweckbau mit schallisolierten Kabinen, in denen es knallt und die Wände wackeln, wenn der Schall vom Ende des Tunnels zurück gegen die Kabinen prallt. Waffen einschießen. Meindl feuerte ein paar Probeschüsse ab, 100 Meter, Treffer, 200 Meter, Treffer.

Es ist schon dunkel, eisige Luft weht in unsere Gesichter, als wir mit dem Rhino durch Zederhaus brausen, unter der Autobahn hindurch bis zu einer Abzweigung. Meindl stoppt kurz, schaltet den Rhino auf Allrad und biegt rechts ab auf den Waldweg, der hoch zur Jagdhütte führt. Die Stollenreifen graben sich in den Boden, der Weg wird steiler, das Gelände fällt zur Hangseite steil ab. Der Regen hat tiefe Furchen ausgewaschen, doch der Rhino klettert stur die Serpentinen hinauf, „der schafft auch noch 20 Zentimeter Neuschnee“, sagt Meindl. 20 Minuten später, auf 1600 Höhen- metern, endet die Straße, und im Scheinwerferlicht taucht die Jagdhütte auf: ein Holzhäuschen mit Zaun unterhalb einer Felswand, links ein ausgetrockneter Brunnen, davor eine Holzterrasse mit massiver Hausbank. „Kein Luxus, aber es ist alles da, was man braucht“, sagt Meindl; ein Wohn- raum mit Tisch, Eckbank, kleiner Küche und Holzofen, ein Bettenlager unter dem Dach und, ganz wichtig, ein Erdkeller für Bier und Wein.

Wir heizen ein, machen Brotzeit, und zu Schnapserl und Bier beantwortet Meindl bereitwillig jene Fragen, die jeder Jäger kennen dürfte. Muss das sein, das Jagern? Schießen? Regelt sich die Natur nicht von selbst?

„Die Jagd ist aktiver Naturschutz“, sagt Meindl, jeder Abschuss, sofern waidmännisch erfolgt, trage zum Erhalt des Wildtierbestandes bei. „Waidmännisch“, diesen Begriff benutzt Meindl oft. Waidmännisch handelnde Jäger dezimieren den Wildbestand, sodass ein gesundes Gleichgewicht herrscht. Sie schießen kranke Tiere, ehe sich Krankheiten in den Rudeln ausbreiten. Allein für die Trophäe schießen sie nicht. Dementsprechend dämpft Meindl die Erwartungen an den morgigen Tag: „Jagern ist meist nicht viel mehr als ein bewaffneter Spaziergang.“ Dass wir eine zum Abschuss geeignete Gams finden und dann noch erwischen, sei alles andere als wahrscheinlich. Um kurz vor zehn Uhr rollen wir unsere Schlafsäcke aus und gehen zu Bett. Drei Bier und drei Schnapserl sind das Zielwasser für den nächsten Tag.

AUFSTIEG

Nur der frühe Vogel schießt die Gams: Um 4.45 Uhr, Stirnlampen auf dem Kopf, Rucksäcke auf dem Rücken, brechen wir auf. Nieselregen knistert gegen unsere Regenjacken, und der bewaffnete Spaziergang beginnt eher wie eine bewaffnete Klettertour. Meindl hat „die kleine“ Büchse über die Schulter geworfen und klettert voraus, rechts die steile Böschung hoch. Wir klettern über gestürzte Lärchen, an abschüssigen Stellen klammern wir uns mit den Händen an Grasbüschel und Sträucher. Immerhin ist es so steil, dass wir uns nicht tief bücken müssen, um den Boden zu greifen. „Schade, dass es keinen Meter Schnee hat“, findet Meindl.

Drei Männer keuchen und schwitzen, drei Lichtkegel wackeln durchs Gebirge. Nur Romeo, braunes Fell, lange, kräftige Beine, läuft munter nebenher.

Eine Stunde später, auf knapp 2000 Metern, haben wir einen Jägerstand erreicht, eine überdachte Bretterkanzel, in etwa vier Metern Höhe in der Gabel einer Lärche verankert. Wir wechseln die nassgeschwitzte Unterwäsche, denn „wenn Du einmal frierst, erholst Du dich den ganzen Tag nicht mehr“, sagt Meindl. Er hofft, dass mit der Sonne das Rotwild zum Äsen auf die Lichtung kommt. Aber der Wind bläst aus allen Richtungen: „Und wenn der Wind jagert, kann der Jäger zu Hause bleiben.“

Vom Hochsitz überblicken wir die Lichtung, hin und wieder hebt Meindl das Fernglas, setzt es ab, hebt es wieder an. Die Sonne geht auf, wir sehen die Lärchen, die als letzte Bäume dem Höhenklima trotzen, aber ihre Nadeln schon abgeworfen haben. Wir sehen hinter uns das Tal und die massiven Berggipfel auf der anderen Seite. Graubraune Felsen, grün-braune Wiesen, braun-graue Bäume, der Berg trägt Tarnfarben. Aber Wild sehen wir nicht. Vielleichthat es uns gerochen, vielleicht äst es heute Morgen einfach woanders, hilft nichts, „pack mas wieder“, sagt Meindl um sieben Uhr, weiter hoch, ins Gamsrevier.

PIRSCH

280 Hektar umfasst Meindls Revier, ein Talschluss, steil und schroff. Im Frühjahr treiben die Bauern ihre Rinder auf die saftigen Almweiden, die wie eine weiche Decke auf dem kristallinen Gestein liegen. Meindls Revier kennt keine Wanderwege und so auch keine Wanderer. Ein Zaun mit Sta- cheldraht markiert die westliche Grenze des Reviers, an ihm entlang steigen wir weiter Richtung Gipfel. Immer wieder treten wir über frische Losungen vom Rotwild. Wir lassen die letzten Bäume hinter uns, das Gelände wird felsiger, ein Birkhahn ergreift flatternd die Flucht. Alle paar Minuten sucht Meindl die Hänge mit dem Fernglas ab, und nach einer halben Stunde entdeckt er die Gamsen. Vor uns am Horizont, nahe der östlichen Grenze des Reviers, wo das Bergmassiv nach links abbiegt, stehen sie: etwa zehn schwarze Punkte auf einem Geröllfeld, 1500 Meter Luftlinie entfernt. „Da müssen wir hin“, sagt Meindl.

Die Geißen, also die weiblichen Gamsen, leben mit ihren Jungtieren, den Kitzen, in kleinen Rudeln von 15 bis 30 Tieren zusammen. Auch die jungen Böcke bilden kleine Rudel, die alten, erfahrenen Männchen dagegen sind als Einzelgänger unterwegs. Nur in der Brunftzeit von November bis Mitte Dezember gesellen sich die Böcke zu den Geißen.

Auf 2400 Metern liegt vermehrt Schnee wie verklumpter Puderzucker auf dem Gras, an manch schattiger Stelle zwischen den Felsen ist der Boden vereist. Dafür scheint wider Erwarten die Sonne, nur nicht auf uns, wir stehen auf dem Nordhang. Wir setzen unsere Pirsch quer zum Berg fort, ein paar Meter unter der Linie, bei der sich das Gras den Felsen ergibt, rechter Hand die Gipfel, linker Hand das Tal. Meindl geht voraus, Romeo folgt ihm. „Er ist kein gelernter Jagdhund, aber er weiß genau, worum es geht“, sagt Meindl. Auf halber Strecke duckt er sich hinter eine kleine Erhöhung, greift zum Spektiv und beginnt mit der Ansprache des Rudels – das bedeutet, er versucht genau herauszufinden, um welche Tiere es sich handelt. Die Einteilung erfolgt nach Geschlecht und Alter in drei Kategorien – Klasse 3: Bock mit einem Jahr, Geiß mit einem Jahr; Klasse 2: Bock bis sechs Jahre, Geiß bis neun Jahre; Klasse 1: Bock ab sieben Jahren, Geiß ab zehn Jahren. Meindl darf drei Gamsen pro Saison schießen, so hat es die Salzburger Jagdbehörde festgelegt. Einen jungen (3er) und einen alten (1er) Bock hat er schon erwischt, nur eine alte (1er) Geiß, „die hab ich noch frei“, sagt er.

Allein bei kranken Tieren darf er von der Quote abweichen. Bloß: Wie soll man das erkennen, noch dazu aus dieser Entfernung? „Ein Gamsjäger, der behauptet, er hätte sich nie getäuscht, der lügt“, sagt Meindl. Sein erster Blick geht zum Kopfschmuck der Gamsen, den Krucken: je höher und stär- ker die beiden Hörner, desto älter das Tier. Allerdings tragen bei den Gamsen nicht nur die Böcke ein Geweih, sondern auch die Geißen. Meindls Blick wandert weiter zur Bauchlinie: Hat das Tier einen Pinsel zwischen den Beinen, ist es ein Männchen, hat es Zitzen, ist es ein Weibchen, sind die Zitzen geschwollen, führt es gerade ein Junges. Er studiert das Verhalten der Tiere im Rudel: Läuft eine Geiß einige Meter hinter den anderen her, ist sie möglicherweise so alt, dass sie bald aus dem Verbund verstoßen wird. Grau meliertes, verwaschenes Fell an den Schläfen, den sogenannten Zügeln, ist ein weiteres Anzeichen von hohem Alter.

Gerade bei Geißen kann ein Jäger viel Schaden anrichten. Erschießt er ein Muttertier, wird das Junge den anstehenden Winter nicht überleben. Erwischt er die Leitgeiß, gerät das ganze Rudel in Gefahr. Sie führt die anderen Tiere durch den Winter, kennt das Gelände, die Lawinenhänge, die Gefahren. „Jagen ist Beobachten“, sagt Meindl, „man braucht viel Erfahrung und viel Glück, aber vor allem muss man sich viel Zeit nehmen.“ Und im Zweifelsfall müsse man dann eben auch abbrechen.

Ein paar Minuten lang verschafft sich Meindl eine erste Vorstellung über die Strukturen im Rudel. Nun zählen wir schon 16 schwarze Punkte auf dem Geröllfeld – die Chancen, dass eine 1er-Geiß dabei ist, steigen mit jedem Punkt. Wir marschieren weiter. Je näher wir kommen, desto leiser sprechen wir, desto geduckter gehen wir, und desto gezielter nutzen wir den Berg als natürliche Deckung. Da uns der Wind ins Gesicht bläst, sollte uns unser Geruch nicht verraten. Plötzlich hetzen 150 Meter talabwärts zwei Gamsen vorbei. Meindl nimmt die Büchse von der Schulter, legt an, doch zieht gleich wieder zurück: zwei Böcke – nicht erlaubt.

Ein paar Minuten später, gegen 8.45 Uhr, erreichen wir die letzte Geländebiegung, hinter der sich der Hang mit den Gamsen öffnet. Meindl legt seinen Rucksack ab und klettert ein kurzes steiles Stück nach oben, bis er über den Scheitel sieht. Die schwarzen Punkte von vorhin haben mittlerweile Beine und Köpfe, und sie sind noch mehr geworden. Zu
den 16 Gamsen im Geröllfeld zählen wir sechs weitere, näher als die anderen, etwa 250 Meter entfernt. Meindl peilt die Gamsen erst durch sein Spektiv an, dann durchs Fernglas, schließlich durchs Zielfernrohr seines Gewehrs. Er sieht ein paar Böcke, einige Jungtiere und ein paar mehr Geißen. Zwei davon sehen vielversprechend aus. Meindl legt an
und beobachtet, setzt ab, legt wieder an. Er zögert. Ein Kitz steht zwischen den beiden Geißen. Welche ist die Mutter? Plötzlich heben die Gamsen ihre Köpfe und rennen los, zwei, drei Tiere zuerst, dann das ganze Rudel, weg von uns Richtung Gipfel. „Jetzt haben sie uns gehabt“, sagt Meindl – der Wind hat gedreht und uns doch verraten. Ein wenig enttäuscht, aber mit dem Gefühl, waidmännisch gehandelt zu haben, heben wir unsere Rucksäcke auf.

ZWEITER ANLAUF

Auf direktem Weg gehen wir Richtung Jagdhütte, abwärts über Gestrüpp und Stein, vorbei an einem massiven Felsbrocken, der vor einigen Jahrzehnten aus dem Berg gebrochen und abgestürzt sein muss. Doch nach ein paar Hundert Metern wittert Meindl eine neue Chance. Das Gamsrudel klettert zu unserer Rechten den Hang entlang, nur aufwärts statt abwärts. Den Schreck von vorhin scheinen die Tiere überwunden zu haben, der Wind hat wieder gedreht, und der fremde Geruch ist verschwunden.

Die nächsten Minuten sollten sich später anfühlen wie im Zeitraffer, fünf Stunden Wanderung verdichten sich in einem minutenkurzen Höhepunkt. Meindl durchquert einen Graben, durch den ein kaltes Rinnsal fließt, steigt die nächste Böschung hoch, nimmt seinen Rucksack ab und legt an.
Er sieht die beiden Geißen von vorhin, eine hält Anschluss ans Rudel, bei ihr ein Junges. Und weiter hinten, etwas abgeschlagen, eine einsame Geiß. Nur: Wir sind sehr weit weg, sicher 400 Meter. Meindl robbt auf dem Bauch über die kleine Ebene, steigt hinunter in den nächsten Graben und von
dort mit hastigen Schritten den nächsten Hang hinauf, gut 75 Meter. Oben angekommen, wirft er sich ins Gras, misst kurz die Entfernung mit dem Fernglas: 359 Meter, legt an, und – es knallt – schießt. Ein Kontrollblick, dann ballt er die Faust und stößt einen Jubelschrei aus: „Geil, das ist Jagern!“

BERGUNG UND ABSTIEG

Nach dem Schuss kommen die Fragen: Hat er getroffen? Ja. Ist die Gams tot? Ja, Blattschuss. Sonst müssten wir das verletzte Tier jetzt verfolgen. Wo ist die tote Gams? Wir haben Glück: Sie ist über eine Schneerinne in unsere Richtung abgestürzt. Denn wer schießt, muss bergen.

Romeo findet die Gams als erster, gut 300 Meter weiter oben in der Rinne. Rote Flecken im Schnee markieren ihren Absturz. Meindl prüft als Erstes die Zitzen: keine Milch, also kein Muttertier. Dann die Wunde: sauberer Blattschuss.

Auf der Seite, auf der die Kugel ausgetreten ist, ist das Fell blutverschmiert. Als Letztes zählt er die Jahresringe an den Schläuchen: elf Jahre, schätzt er, also alt genug für eine Geiß der ersten Kategorie. Was ist das für ein Gefühl? „Ein gutes“, wird Meindl später sagen, „aber kein erhebendes.“

Noch an Ort und Stelle bricht er die Gams mit seinem Jagdmesser auf. Er schneidet den Bauch auf und löst die Eingeweide heraus, es gurgelt und dampft, Meindls Hände färben sich blutrot. Die Innereien lassen wir hier für Fuchs oder Steinadler, die leere Geiß packt Meindl an den Hörnern und rutscht mit ihr das schmale Schneefeld hinab zu den Rucksäcken. Zur Feier gibt’s ein Schnapserl aus dem Flachmann. „Das gehört zum Jagern dazu“, sagt Meindl. Dann wickelt er einen Strick mit Holzgriff um Vorderläufe und Hörner und marschiert los, die Gams hinter sich ziehend wie einen 30 Kilo schweren Schlitten ohne Kufen. „Eine Stunde ist okay“, sagt Meindl. Danach wird das auch für ihn anstrengend. Unterwegs wäscht er die Gams in einem Bach aus, und um halb zwölf sind wir zurück bei der Jagdhütte.

Zur Belohnung gibt’s ein Bier, und wir heizen den Holzofen fürs Mittagessen an: Rührei mit Speck und Käse, dazu Krustenbrot. Nach dem Essen beladen wir den Rhino, Gepäck hinten, Gams vorne als Galionsfigur, und brettern ins Tal, um beim Aufsichtsjäger Bericht zu erstatten. Matthias Moser ist ein gut gelaunter Mann, der Gäste und Anrufer mit einem freundlichen „Waidmannsheil“ begrüßt. Als er die Geiß auf dem Geländewagen sieht, ist er begeistert. „Du taugst mir“, sagt er zu Meindl, „aus 359 Metern – Du bist ein Kaiserjäger!“ Moser zählt die Jahresringe nach, errechnet 13 Jahre, sagt: „Wahnsinn, 1er-Geiß, wow!“ Gemeinsam hängen sie die Gams in den Kühlcontainer, Moser wird ihr Fleisch später räuchern, Meindl aus der Haut eine Lederhose machen, der Oberkörper kommt zum Präparator für die Trophäe.

Dann bittet uns Moser in seine Stube, auf ein Schnapserl zur Feier des Tages. Immerhin ist er vielfach preisgekrönter Edelbrenner, vor ihm sind schon schottische Whiskybrenner auf die Knie gefallen. „Probieren wir die Wildkirsche“, sagt er, „wie wär’s mit der Vogelbeere?“, und „jetzt die Quitte,
die kennt hier eh keine Sau“. Seine Frau bringt Himbeerlikör, „das süße Zeug“, schimpft Moser, lacht und bringt Enzianschnaps und Whisky. Ein Schnapserl gehört schließlich zum Jagern dazu.

Halbgötter in Weiß? – Wir doch nicht!

Constance Neuhann-Lorenz, Bruno Reichart, Erich Rembeck: Drei Spitzen-Mediziner im AZ-Interview – mit überraschenden Einblicken ins Schmerzempfinden von Eishockey-Spielern, ärztliches Ethos und die Nöte der Promis bei Schönheits-Operationen.

Interview: Johannes Mitterer, Max Sprick | erschienen in: Abendzeitung, 21.03.2014

München Die Plastische Chirurgin Dr. Constance Neuhann-Lorenz, der Herzchirurg Prof. Bruno Reichart und der Orthopädische Chirurg Dr. Erich Rembeck gehören zu den besten Ärzten Münchens. Zu ihrem Kundenstamm zählen auch viele Prominente. Ein Dreier-Interview über prominente Patienten, medialen Druck und Operationen ohne Betäubung.

AZ: Herr Rembeck, Boris Becker, der ja gerade eine beidseitige Hüft-OP hatte, hat gesagt, wenn ihm etwas fehlt, ruft er als Erstes bei Ihnen an. Wie oft meldet er sich denn?

ERICH REMBECK: Jede Woche. Wir kennen uns seit vielen Jahren. Ich bin nicht mehr nur sein orthopädischer Betreuer, sondern auch ein bisschen sein Hausarzt.

AZ: Halten sich Promis wie Becker, die in ihrem Alltag viel im Mittelpunkt stehen, beim Arzt für wichtiger als normale Patienten?

CONSTANCE NEUHANN-LORENZ: In der plastischen Chirurgie sind sie oft sogar erstaunlich schüchtern. Unangenehme Patienten sind die Ausnahme.

BRUNO REICHART: Mir ist das gar nicht immer so bewusst gewesen, wen ich da operiere. Das Wichtigste war den meisten, alleine zu liegen. Es kam aber auch mal vor, dass jemand seinen eigenen Koch mitgebracht hat. Das kann ich nachvollziehen, das Essen im Krankenhaus ist ja kein Sterne-Essen.

AZ: Herr Rembeck, Sie betreuen Eishockeyspieler, Fußballer, Tennisspieler. Wer ist denn von denen am sensibelsten?

Eishockeyspieler sind mit Sicherheit am schmerzunempfindlichsten. Innerhalb von einer Minute nähe ich dort ohne Betäubung große Wunden, die ich bei anderen großzügig steril abdecken würde.

NEUHANN-LORENZ: Warum eigentlich ohne Betäubung?

REMBECK: Weil’s Zeit kostet.

REICHART: Das wollt’ ich auch fragen, aber ich hab’ mich nicht getraut (lacht).

REMBECK: In 60 Sekunden Wechselzeit muss alles fertig sein, da hältst du dich nicht mit örtlicher Betäubung auf.

REICHART: In den USA hat sich einmal ein Patient bei meinem Chef beschwert, ich hätte ihm ohne Betäubung irgendwas zusammen genäht. Der hat aber an einem Durchgangssyndrom gelitten und sich das nur eingebildet. Ich kann mich nicht erinnern, jemals jemanden nicht betäubt zu haben.

AZ: Frau Neuhann-Lorenz, Sie operieren mit Ihrem Hilfsprojekt auch viele Patienten in sehr armen Ländern. Haben Sie dort immer die Möglichkeit, zu betäuben?

Ich hab noch nie einen Grund sehen können, irgendetwas nicht zu betäuben, wenn auch nur mit Eis.

Fällt Ihnen dieser Spagat zwischen Münchner Promis und Brand- und Säureopfern in Indien oder Bangladesch leicht?

NEUHANN-LORENZ: Meine Einsätze sind immer wieder ein Kulturschock. Ich habe schon viel gesehen, oft ist mir der Atem stehen geblieben. Aber ich habe auch hier in München bei meinen prominenten Patienten das Gefühl, dass sie unter den Problemen leiden, mit denen sie zu mir kommen.

AZ: Rufen Promis persönlich beim Arzt an oder macht das ein Assistent?

REMBECK: Die Medizin ist immer ein 1:1-Umgang, da haben Assistenten eigentlich nichts zu suchen. Mich hat noch nie ein Assistent von irgendwem angerufen.

NEUHANN-LORENZ: Bei mir melden sich die Leute auch eher direkt, weil eine gewisse Scheu besteht, sich zu den Eingriffen, die ich mache, zu bekennen. Mein Personal weiß, dass meine Patienten von niemandem gesehen werden wollen.

AZ: Herr Reichart, Sie haben Johannes von Thurn und Taxis operiert. Danach wurde Ihnen vorgeworfen, Sie hätten ihm bevorzugt ein Herz beschafft. Steigt der öffentliche Druck auf einen Arzt, wenn er Prominente behandelt?

Ein bekannter Mensch hat die gleichen Rechte wie jemand, der nicht so bekannt ist. Es wird uns vorgeworfen, wir hätten damals nach Gutsherrenart die Organe vergeben, das war nicht so. Wir haben uns nicht wie Halbgötter in Weiß aufgeführt.

AZ: Aber haben Sie diese Vorwürfe im Nachhinein abgeschreckt? Haben Sie überlegt, in Zukunft die Finger von derart berühmten Patienten zu lassen?

REICHART: Nein, überhaupt nicht. Man darf sich nur nicht unterkriegen lassen.

REMBECK: Aber der Druck ist schon ein anderer, wenn du mit bekannteren Leuten zu tun hast. Bei mir geht es zwar nicht um Leben und Tod, trotzdem stehe ich genau unter Beobachtung, weil täglich sehr viel darüber geschrieben wird. Ich habe das immer als relativ belastend empfunden.

NEUHANN-LORENZ: Das kann ich nachvollziehen. Bei mir ist es enorm wichtig, dass man NICHT sieht, dass die Leute operiert wurden. Das ist schon sehr tricky und ich darf mich auf keinen Fall verplappern, also irgendwelche Namen in den Mund nehmen oder auch nur wissend dreinschauen.

AZ: Aber das ist im Alltag doch schwierig. Jeder kann vor Ihrer Praxis auf prominente Besucher warten.

NEUHANN-LORENZ: Natürlich, wenn jemand vor der Tür lauert, kann man das nicht verhindern. Wir versuchen die Termine so zu legen, dass wir die Promis an anderen Patienten vorbeischleusen können.

REMBECK: Meine Sportler hingegen werden oft sogar sehr gerne gesehen, weil sie eine Begründung für schlechte Leistungen kriegen.

AZ: Besteht auch gegenüber dem Patienten ein höherer Druck, wenn die Karriere vom Erfolg eines Eingriffs abhängt?

REMBECK: Nein, bei den Operationen geht es immer um den speziellen Fall und das medizinische Problem und nicht darum, dass ich jetzt eine Karriere ruinieren könnte.

NEUHANN-LORENZ: Angst haben eher die Patienten, die wissen, dass ihr Beruf auf dem Spiel steht. Vor allem Schauspieler fürchten sich wahnsinnig vor einem plastisch-chirurgischen Eingriff im Gesicht. Das ist ihr Kapital, davon leben sie. Auch Politiker sind sehr vorsichtig, weil sie auf keinen Fall negativ auffallen wollen.

AZ: Herr Rembeck, Sie haben ein Fitnessprogramm im bayerischen Landtag betreut, kürzlich hatten Sie den russischen Außenminister Sergei Lawrow in Behandlung. Ist Lawrow fitter als seine bayerischen Kollegen?

Ich glaube, ja. Das muss man lapidar zugeben.

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Der Knödel ist rund

Was haben Lukas Podolski, Jens Nowotny und Kevin Großkreutz gemeinsam? Gastronomie! In ganz Deutschland gibt es Restaurants, die von Fußballern betrieben werden. Unser Autor hat sie ausprobiert.

Text: Johannes Mitterer, erschienen in: Die Zeit #24/2018

Es begab sich am Anfang dieses Jahres, dass ein Prinz heim- kehrte und seinem Volk den Döner brachte. Die Bürger standen Schlange, stunden- lang; die Mädchen weinten, natürlich vor Glück; und Me- dien schickten ihre Reporter, um davon zu be- richten. Aus FAZ, Spiegel Online und Bild er- fuhr man, dass der Prinz eigenhändig Fleisch vom Spieß säbelte und Sätze sagte wie: »Ich mag den Döner. Ich esse Döner. Der Döner ist eine gute Sache.«

Als Prinz Poldi, bürgerlicher Name Lukas Podolski, am 6. Januar den Mangal Döner-Imbiss in der Kölner Südstadt eröffnete, gingen mir zwei Fragen durch den Kopf: Was hat Podolski mit Dönern zu tun? Und: Gibt es noch andere Fußballer, die Restaurants betreiben?

Es stellte sich heraus: Die gibt es, und gar nicht wenige. Es sind Stürmer darunter und Verteidiger, Spielgestalter und Spielzerstörer, Aktive und Ehemalige. Und weil inzwischen auch die WM in Russland näher rückte, samt Vorfreude, entschied ich mich, eine Deutsch- landreise zu diesen Restaurants anzutreten, die mich vom Norden in den Ruhrpott und das Rheinland führen würde, weiter nach Baden-Württemberg und zum Schluss nach Berlin. Ich wollte mit so vielen Kickern reden, wie ich konnte. Und ich wollte so viel von ihrem Essen essen, wie ich schaffte.

1. Station: Bremen

Samstagabend. Unweit des zentralen Omnibusbahnhofs liegt die Südtiroler Hütte, eingeklemmt zwischen Best-Western-Hotel und Shisha-Bar, ein hölzerner Fremdkörper zwischen zwei Steilwänden aus Glas und Beton. Ich saß an einem Tisch im Restaurant, suchte nach Hinweisen auf Nelson Valdez, der mit Werder Bremen 2004 Meisterschaft und Pokal gewann, fand aber keinen. Ich fand ja

nicht einmal Hinweise auf Bremen, denn nachdem ich die hölzerne Tür durchschritten, den Kachelofen passiert und den Gastraum betreten hatte, war ich mitten in der Bergwelt der Dolomiten angekommen. Im Radio liefen Staumeldungen für Tirol.

Ende 2014 hatte Valdez die Südtiroler Hütte eröffnet, die Bild-Zeitung berichtete, es hatte einen Jodelwettbewerb gegeben, leider nur ein- mal. »Man findet im Norden einfach keine gu- ten Jodler«, seufzte Fritz Rößler, Valdez’ Schwie- gervater und Geschäftspartner, der sich nun zu mir an den Tisch setzte. Rößler war mit etwas Verspätung direkt aus dem Weserstadion ge- kommen. Prügelei auf der Straße, Taxi im Stau, es tue ihm leid, sagte er und wickelte seinen Werder-Schal vom Hals. Schnell fiel mir auf, welch ruhige Höflichkeit dieser grauhaarige Mann mit der goldenen Brille ausstrahlte. »Nelson isst gerne das Kaiserschnitzel«, sagte er. »Aber vorher bringe ich die Knödel«, grätschte Restaurantleiter Matyas Insam, ein Ureinwohner des Grödnertals, in meine Bestellung. »Vielleicht drei Prozent unserer Gäste kommen wegen Nelson«, sagte Rößler. Dann begann er, der in seinem Leben schon zwei Sternerestaurants und die Gastronomie im Weserstadion geführt hatte, zu erzählen, wie sich das zugetragen hatte mit ihm, dem Fußballer, den Knödeln.

Seiner Frau Beata sei die Idee im Südtirol-Urlaub gekommen. Sie holten ihren Schwie- gersohn mit ins Boot. Auch, wie Rößler sagte, um dem weit gereisten Kicker – er spielte schon in Spanien, Griechenland, Russland und Abu Dhabi – einen Anker in Bremen zu geben. Valdez ist allerdings maximal zweimal im Jahr hier, weil er inzwischen in Paraguay spielt und dort jetzt auch eine Hühnerfarm eröffnet hat.

Die Knödel kamen, einmal mit Käse, einmal mit Spinat, sie waren weich und würzig und lagen in einer Pfütze aus Parmesan und zerlassener Butter. Zwischendurch brachte Rößler ein Brett voller Schinken und Kaminwurzn, reichte dazu Schüttelbrot. Dann war das Kaiserschnitzel fertig, ein saftiges Kalbskotelett am Knochen, sanft umhüllt von einer krossen, welligen Panade. Ich wurde satter und satter, und ein warmes Gefühl von Urlaub und Geborgenheit erfüllte mich. In den Fenstern, in denen statt Glas Bildschirme verbaut waren, zog ein Almabtrieb vorbei.

Als ich das Restaurant verließ und zurückblickte, schien es mir, als habe eine Lawine die Hütte in den Dolomiten erfasst und bis nach Bremen getragen. Ich ging mit dem Gefühl, dass sich Fritz Rößler um mich kümmern würde, wenn es mir einmal schlecht ginge. Er würde wieder mit seiner Frau Beata in Urlaub fahren, eine Idee für ein Restaurant mitbringen und es zusammen mit mir eröffnen, um mir einen Anker im Leben zu geben.

2. Station: Dortmund

Am Nachmittag des folgenden Tages betrat ich mit einem freundlichen »Moin« das Mit Schmackes in Dortmund, der Kellner antwortete mit einem stummen Blick auf die Uhr. Ein richtiger Kaltstart für meinen Besuch bei Kevin Großkreutz. Dabei hatte ich große Erwartungen. Schließlich war Großkreutz ein Dortmunder Jung, der als Kind auf der Südtribüne des BVB stand, plötzlich für die Profis auflief und in Brasilien Weltmeister wurde. Ich war extra am Nachmittag angereist, gleich würde der Lokalheld mit seinem jetzigen Verein SV Darmstadt gegen den Abstieg aus der zweiten Liga kämpfen. Ich rechnete mit trinkenden, jubelnden, fluchenden Fans. Dabei war nur eine Handvoll Leute im Lokal. Ob sie denn nachher das Spiel zeigen würden? Verwunderte Blicke.

Das Mit Schmackes ist eine Ruhrpottkneipe im Industrie-Look und voll auf ihren prominenten Besitzer ausgerichtet. Zusammen mit einem Geschäftspartner hat Großkreutz es 2016 er- öffnet, auch als Anlage für die Zukunft, wie er damals sagte. An den Wänden hängen Bilder und Trikots des Spielers, die verschiedenen Sitzbereiche heißen »Anstoß«, »Mittelfeld«, »Gästeblock«. Ich schlug die Karte auf. Warum jener Salat denn nach dem ehemaligen Torwart der brasilianischen Nationalmannschaft »Julio César« heißt, fragte ich den Kellner. Er murmelte etwas von »Marketinggenie«. Dann lieber nicht, dachte ich und bestellte das »Ruhrpott-Carpaccio 2.0 (240g): eine Curry- und eine Jägerwurst mit Fritten & Beilagensalat (Tipp!)«.

Ich saß im »Mittelfeld«, Kevin Großkreutz nur auf der Darmstädter Ersatzbank, und als erst 15 Minuten nach Anpfiff die Fernseher auf den richtigen Kanal umgestellt wurden, dämmerte es mir, dass ich die Bedeutung des SV Darmstadt in Dortmund überschätzt hatte. Das Essen kam zügig, aber mit einem Dämpfer: Die Würste waren gar nicht carpaccioartig in feine Scheiben geschnitten. Also schnitt ich selbst abwechselnd Currywurst und Jägerwurst, tunkte die Stücke wahlweise in Curry- oder Rahmsauce, zwischendurch spießte ich ein paar Pommes und Champignons auf. Notiz für später: Fußballerportionen sind große Portionen.

Ich spülte mit Mineralwasser nach und musste alsbald auf den »(Ruhr)Pott«, so heißt die Toilette. Auf dem Rückweg bemerkte ich eine eingerahmte graue Jacke an der Wand, »Jacke vom vermeintlichen Dönerwurf« las ich auf einem Schild darunter. 2014 soll Großkreutz in diesem Outfit einen Kölner Fan mit einer solchen Fleischtasche beworfen haben. »Marketinggenie«, murmelte ich und verabschiedete mich umgehend.

3. Station: Mönchengladbach

18 Stunden später saß ich mit dem einstigen Leverkusener Abwehrspieler Jens Nowotny auf der Terrasse seines Restaurants, blickte auf einen Teich und beobachtete Enten. Zwei Erpel hatten es auf ein Stockentenweibchen abgesehen, einer hatte sich auf sie geschwungen und sich in ihr Federkleid verbissen. »Jetzt drückt er sie unter Wasser«, kommentierte Nowotny. Zwischendurch sah man nicht mal mehr ihren Schnabel.

Es war ein sonniger Montag im Mai, das Salinas im Mönchengladbacher Volksgarten gut besucht. Es ist angelegt wie ein Pavillon, mit rundum verglastem Gastraum und einer Seeterrasse. Neben Nowotny saß sein Geschäfts- partner Paris Houdeloudis, dessen Aufmerksam- keit sich in die entgegengesetzte Richtung wandte, ins Restaurant. »Am Tisch hinter uns war jetzt seit fünf Minuten keine Kellnerin«, sagte Houdeloudis, »da werde ich schon nervös.« Niemand wisse, warum Enten das täten, setzte Nowotny fort, »wenn sie die Mutter jetzt umbringen, sind auch deren Junge in zwei Stunden tot. Die Natur kann grausam sein.«

Jens Nowotny, Verteidiger bei Bayer Leverkusen, Nationalspieler bei der WM 2006 in Deutschland, ist immer noch sehr groß und sehr breit, er hält den Rekord der meisten roten Karten in der Geschichte der Bundesliga, acht

Stück hatte er über die Jahre gesammelt. Er empfahl mir den Chicken-Salat mit Extra-Feta. Wie er auf die Idee gekommen sei, dieses Restaurant zu eröffnen? »Schon vor 27 Jahren wollte ich eine Sportsbar aufmachen«, antwor- tete Nowotny, »ich dachte, es wäre cool, etwas Eigenes zu haben.« Schließlich war es Houdeloudis, der die Idee umsetzte. »Ich war lange Zeit auf Ibiza«, sagte dieser, von dort stamme nicht nur der Name, sondern auch die kulinarische Ausrichtung des Salinas: Tapas, Pizza, Pasta, Burger und Fisch. Es ist viel Arbeit – für Houdeloudis. »Von uns beiden bin ich eher derjenige, der das genießt«, sagte Nowotny.

So dürften sich viele Fußballer ihr Engagement in der Gastronomie vorstellen. Investieren, zurücklehnen, Vögel beobachten. Während ich mich verabschiedete, verbiss sich eine Kanadagans unter lautem Geschnatter in eine Graugans.

»Das ist Natur«, sagte Nowotny.

4. Station: Köln

Fünf Monate waren seit der Eröffnung ver- gangen, als ich Lukas Podolskis Dönerbude in Köln betrat. Wie würde es dort heute zugehen? Auf Instagram sah ich, dass Poldi erst vor wenigen Stunden ein Foto gepostet hatte, auf- genommen vor seinem Laden. Sollte der nicht in Japan bei seinem Verein Vissel Kobe sein? Am Tag zuvor war Spieltag, das hatte ich extra geprüft. Aber umso besser: Vielleicht würde ich ihn sogar treffen.

Das Mangal ist kaum breiter als eine Garage, dafür nur halb so tief. Drei Mitarbeiter säbelten schwitzend Fleisch von zwei Spießen. Der Hype der Eröffnung war noch nicht abge- klungen, es war voll, Menschen machten Fotos im Vorbeigehen. Ich nahm einen Döner mit Hühnerfleisch, ließ scharfe Soße und Tsatsiki mischen, Salat und Schafskäse auflegen. Das Brot schien selbst gebacken, das Fleisch war saftig, der Salat frisch, die scharfe Soße scharf. Ich fragte den Verkäufer nach dem Chef. War Poldi gestern da? »Nein, vorgestern.« Wegen einer Wadenverletzung sei er kurzfristig ange-

reist, erfuhr ich. »Er sagt uns nicht Bescheid, wann er kommt.« Mir auch nicht.

Ich aß im Stehen neben dem Lokal. Vor einer Haustür, wie mir ein älterer Herr klar- machte. »Darf ich mal?«, fragte er in einem Ton, der suggerierte, dass er diese Frage neuerdings öfter stellen musste. Ich dagegen fragte mich, ob ich auf meiner Reise noch auf einen Fußballer treffen würde, der mehr für sein Res- taurant war als Maskottchen oder Geldgeber.

5. Station: Ludwigsburg

Im Erdgeschoss des Hotel Riviera nahe dem Bahnhof eröffnete Ende 2017 der einstige Hoffenheimer Tobias Weis die Pinseria. Ich kam zur Mittagszeit an. Pizzaroller schnitten krachend durch Krusten, zwei Männer bade- ten ihre Schnauzer in Schorlen. Die Wände waren geschmückt mit Dingen, die sonst die Nachbarn »zum Mitnehmen« auf die Straße stellen, ein goldener Bilderrahmen ohne Bild, ein rostiger Propeller, eine Fahrradfelge.

Der Messi-große Mittelfeldspieler Weis erschien in kurzen Hosen und T-Shirt. Er ist 32 Jahre alt, war sogar Nationalspieler, aber durch ein Zerwürfnis mit dem Trainer in Hoffenheim

erhielt seine Laufbahn einen schweren Dämpfer. Mit einigen weiteren Spielern wurde er damals aus der Mannschaft geschmissen, »das hat Kar- rieren zerstört«, sagte Weis. Darunter seine.

Im Urlaub in Rom habe er dann zum ersten Mal Pinsa gegessen, eine römische Art der Pizza, statt aus Hefeteig aus Sauerteig geba- cken und rechteckig ausgerollt. »Das muss man doch nach Deutschland bringen«, habe er sich gedacht und legte los. Er baue seine Pinseria gerade zum Franchise-Unternehmen aus, Anfragen kämen von allen Seiten. Die zweite Filiale eröffne demnächst in Ludwigs- hafen. Ein Fußballer mit einem Plan.

Wie viel Tobias Weis stecke nun in der Pin- seria?, fragte ich. Nicht viel, »es geht um das

Produkt«, erwiderte er. Auf der Speisekarte fand ich ihn dann doch. Pinsa »Tobias Weis« trägt die Nummer 17 und wird belegt mit Tomatensoße, Büffelmozzarella und pikanter Salami. Ich aß also Pinsa »Tobias Weis« mit Tobias Weis, der nichts aß, weil er abnehmen müsse. Als Beweis strich er sich über den flachen Bauch.

6. Station: Stuttgart

Die Stuttgarter Grünflächen waren voll mit Menschen, als ich mich auf den Weg machte zum ehemaligen Duisburg-Spieler Michael Zeyer, genannt »Zico«, weil er zauberte wie der gleichnamige brasilianische Mittelfeld

spieler. Er führt das Restaurant 5 und ist damit erfolgreicher als alle anderen Fußballer auf meiner Reise. Eröffnung 2011, erster Michelin-Stern 2012. Eine Auszeichnung, die er sich selbst erkämpft hat. »Manche Spieler ge- ben ihren Namen, um Gäste zu ziehen«, sagte er, aber selber managen, so wie er, sei ein Rie- senaufwand. »Du musst dich reinfuchsen.« Sieben Tage die Woche kümmere er sich um das Restaurant, jeden Tag an der Front, »jeden Tag Gras fressen«.

Schwarze Stahlträger dominieren den dunk- len Gastraum des 5, Relikte des alten Stuttgarter Bahnhofs. Ich sollte der einzige Gast an diesem Abend bleiben, Zeyer hatte schon damit ge- rechnet. Es war einer der ersten warmen Tage

des Jahres. Die Leute säßen alle draußen, und generell sei der Monat, in dem Pfingsten liegt, für gewöhnlich der schlechteste des Jahres: »Manchmal geht man halt mit einer 0 : 4-Klatsche nach Hause.«

Ich nahm Platz in einem Ohrensessel aus hellbraunem Leder und bestellte drei Gänge, natürlich, Weinbegleitung, versteht sich, gerne einen Aperitif vorneweg. Dann be- gann Zeyer zu erzählen, und das so ruhig und leise, dass ich froh war, dass mein Sessel den Schall auffing und in Richtung meiner Gehörgänge bündelte. »Das Karriereende ist eine Zäsur«, sagte er. Freunde riefen plötz-

lich nicht mehr an, Berater gingen nicht mehr ans Telefon, und oft halte auch eine Ehe der Umstellung nicht stand. Zeyer rechnete das einmal durch: »Wenn es gut lief, haben Fußballer in ihrer Karriere fünf Millionen Euro verdient«, sagte er.

Eine Million haben sie schon ausgegeben, blieben noch vier.

Die Hälfte nehme die Frau bei der Scheidung mit, blieben zwei.

Ein Haus in Stuttgart koste eine Million Euro, bleibe noch eine Million.

Pro Jahr brauchten sie 100 000 Euro, dann seien sie nach zehn Jahren durch.

»Irgendwann geht das Geld aus, dann musst du ins Dschungelcamp.«

Gesucht wird also dringend eine zweite Karriere. Viele Möglichkeiten gebe es für Fußballer nicht, sagte Zeyer. Man könnte im Sport weitermachen, klar, das sei auch sein Ziel gewesen. Deshalb hatte er schon während der Karriere Betriebswirtschaft studiert und Sprachen gelernt. Er dachte, mit dieser Erfahrung würde er sicher einen Job als Manager kriegen. Aber letztendlich gehe es nur um Kontakte. »Ich bin kein so guter Netzwerker«, sagte er nachdenklich, die Arme vor der Brust verschränkt. In diesem Moment konnte ich ihn mir auch nicht vorstellen zwischen Schreihälsen wie Uli Hoeneß oder Rudi Völler.

Ich aß derweil einen perfekt gegarten bretonischen Steinbutt unter einer Parmesankruste, der mit einer grünen Tomaten-Caipirinha aufgegossen wurde. Mit jedem Bissen und jedem Schluck Roten Veltliners wurde ich froher, dass Zeyer sich erfolgreich in der Gastronomie etabliert hatte. Zum Hauptgang verlas der Kellner die Aufstellung der japanischen Nationalmann- schaft, es spielten Wagyu, Wasabi, Rauke, Yuzu, Ponzu, Tapioka, Dashi und Wakame, und sofern ich das beurteilen konnte, dürften sie in dieser Form Weltmeister werden.

Zum Dessert gab mir Zeyer noch zwei Tipps mit auf den Weg. Erstens: Steige als Fußballer in ein bestehendes Lokal ein, von dem du die Zahlen kennst, anstatt etwas Neues aufzubauen. Zweitens: Such dir keinen Partner, sondern stelle jemanden ein, den du wieder entlassen kannst.

7. Station: Berlin

Ich saß in Berlin-Wilmersdorf, nur wenige Hundert Meter vom Ku’damm entfernt, und erzählte Puria Ahmadian von »Zico« Zeyers Tipps für ein erfolgreiches Fußballerrestaurant. Der zuckte nur mit den Schultern. »Wir haben alles aus dem Vorladen rausgerissen und unser eigenes Ding gemacht«, sagte er. Und Geschäftspartner gab es hier gleich drei. »Asche, sein Bruder Eddy und ich, wir sind wie Brüder.«

»Asche« heißt mit vollem Namen Ashkan Dejagah, er wurde 2009 deutscher Meister mit dem VfL Wolfsburg, aktuell ist er beim englischen Zweitligisten Nottingham Forest unter Vertrag. Im Januar eröffnete er mit seinen beiden Geschäftspartnern das 21. Dejagah war dort leider nicht anzutreffen, er bereitete sich gerade mit der iranischen Nationalmannschaft auf die WM vor, bei der er als Kapitän auflaufen wird. Er ließ sich aber per WhatsApp über unser Treffen auf dem Laufenden halten.

»Sushi und Shisha« ist das Konzept des 21, weshalb in der ehemaligen Küche nun Wasserpfeifen vorbereitet werden, während der japanische Sushi-Meister direkt hinter dem Tresen am Eingang werkelt. »Den Koch haben wir bei der Konkurrenz rausgekauft«, sagte Ahmadian, und auch beim Rest des Ladens waren die drei Partner in die Vollen gegangen. Die Farbe an der Decke? »Blattgold.« Die violetten Sofas? »Designerstücke.« Das Holz? »Nussbaum.« Die Wasserpfeifen? »Pro Stück 300 Euro.« Der Boden? »Die teuersten Fliesen im Baumarkt.« Der Lachs für das Sushi? »Erste Kategorie, kauft sonst fast keiner in Berlin.« Kool Savas, der Rapper, der außerdem Ahmadians Schwager ist, schrieb nach der Eröffnung auf Instagram: »Grandioses Konzept trifft auf ein tolles Ambiente – 10 von 10 Punkten!«

Damit war alles gesagt, dachte ich und sah das Ende meiner Deutschlandreise gekommen. Ich war ganz froh, hatte ich doch viel geredet, noch mehr zugehört, am allermeisten aber gegessen. Jetzt war ich bereit, mich wieder etwas passiver mit Fußballern zu beschäftigen, bei der WM, vom Sofa aus. Ich griff mit meinen Stäbchen nach dem letzten Lachs-Sashimi, es zerging auf meiner Zunge. Sollte sich das 21 nicht halten, dachte ich, dann wird das Sushi jedenfalls keine Schuld treffen.

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Nazis sind Würste

Der Künstler Cibo kämpft in seiner Heimat Verona gegen Faschisten – mit bunten Bildern von Essen. Ein Widerstand, der viel ernster ist, als er aussieht.

Text: Margherita Bettoni, Johannes Mitterer | erschienen in: JWD #11

Widerstand kennt viele Farben und Formen, aber selten ist er so bunt wie bei Cibo: rosa Würste, gelbe Paprika, grüner Basilikum, lila Cupcakes in türkisen Förmchen, so sehen die Mittel aus, mit denen Cibo gegen Faschismus kämpft. Mittel, die er noch viel zu oft einsetzen muss, das zeigt sich schon in seiner Garage, die man seine Einsatzzentrale nennen kann, weil es durchaus Einsätze sind, auf die sich Cibo hier vorbereitet. Sorgsam, sonst kann es auch gefährlich werden.

In der Ecke stapeln sich die Sprühdosen, nach Farben sortiert oder nach Speisen in Kartons verpackt und beschriftet, falls es mal schnell gehen muss: “Peperoncini”, “Kürbis”, “Kastanien”. An der Wand hängen Landkarten mit den Gemeinden San Giovanni Lupatoto, Zevio, Raldon, alles Vororte von Verona. Sie sind das Kerngebiet von Cibo. Schwarze Punkte markieren, wo er schon tätig wurde.

Der Street-Artist Cibo, ausgesprochen “Tschibo”, italienisch für Essen, ist ein drahtiger Mann mit kahlem Kopf, Dreitagebart und kräftigen Unterarmen. Vor vier Jahren hat Cibo, bürgerlich Pier Paolo Spinazzè, 38 Jahre alt, angefangen, Nazischmierereien wie Hakenkreuze, Runen und Hassbotschaften mit Essensbildern zu übersprühen.

Er führt einen Kampf um die Wände, Mauern und Verteilerkästen seiner Heimatprovinz Verona, um den öffentlichen Raum, den er nicht den Rechten überlassen möchte. Sein Kampf hat ihm schon Bedrohungen und Anzeigen eingebrockt, aber er führt ihn selbstbewusst: “Talent zu haben und es nicht einzusetzen ist so, als hätte man einen Flammenwerfer und würde damit Zigaretten anzünden”, sagt Cibo.

Um halb elf Uhr morgens, Cibo hat sich seinen Strohhut aufgesetzt und einen Schal aus rosa Stoffwürsten umgelegt, fährt er los. Unterstützer haben ihn auf mehrere Schmierereien um den Bahnhof im Ort San Bonifacio hingewiesen. Vier dieser Stellen ist er vorab schon einmal abgefahren, um zu prüfen: Gibt es Kameras? Welche Leute hängen dort herum? Welches Design könnte passen? Sein Konzept für das große Werk des Tages: “Wurstel con Crauti”, Würste mit Kraut, weil das uns Besuchern aus Deutschland doch gefallen müsste.

Sprayen und Street-Art sind Kunstformen, die in Nächten geboren wurden, illegale Tätigkeiten, groß geworden im Schutz der Dunkelheit. Doch für Cibo ist Dunkelheit kein Schutz, sondern Gefahr. Nachts will er keinen Nazis über den Weg laufen. Und verstecken will er sich sowieso nicht.

Juristisch gesehen bewegt er sich in einer Grauzone. In Italien verbietet das “Gesetz Mancino” Slogans und Symbole, die faschistischer oder rassistischer Natur sind. Indem Cibo solche Slogans und Symbole übersprüht, handelt er im Sinne dieses Gesetzes. Andersrum macht er sich der Sachbeschädigung schuldig, wenn er ohne Erlaubnis öffentliche oder private Flächen bemalt. Diese Abwägung soll später am Tag auch noch die Polizei beschäftigen.

Die “schwarze Stadt”

Verona Cibo hat sich jetzt vier Kelten- und Hakenkreuze am Pfeiler einer Unterführung vorgenommen. Als Erstes fotografiert er die Schmierereien, so kann er später beweisen, dass er nicht ohne Grund gesprüht hat. Er stellt ein gelbes Schild auf, das vor frischer Farbe warnt. Dann legt er los, sprüht erst grobe Formen, füllt die Flächen, zieht Konturen nach, er verliert keine Zeit, unterbricht nur, um die Gopro umzustellen, die ihn bei der Arbeit filmt. Keine 15 Minuten später setzt er mit runden, flüssigen Bewegungen seinen Namen neben vier bunte Cupcakes. “70 Prozent meiner Instagram-Follower sind Frauen”, sagt er, “die mögen süße Sachen.”

Weitere 20 Minuten danach hat er an der Mauer eines Parkplatzes den Schriftzug “Antifa Sack Pisse” und ein Hakenkreuz mit Würsten überdeckt. Immer, wenn er fertig ist, lässt er die Sprühdose einige Salti schlagen und freut sich mit kindischem Lachen darüber, wie er wieder ein paar Rechte geärgert hat. Cibo ist Linker, aber er hat verstanden, wie er die Mitte erreicht. “Street-Art auf dem Land ist schwierig”, sagt er, aber das Essensmotiv sei für alle zugänglich. Essen ist der Stolz der Italiener, es ist emotional, und eine Wurst oder Pizza erkennt man auch im Vorbeifahren. Die Leute schätzen, dass er Hass und Hässlichkeit in etwas Schönes für die Gemeinde verwandelt. Auf Instagram funktionierten die bunten Speisen selbstredend.

Man kann schon sagen, dass sich Cibo auch klug vermarktet. Aber es wirkt ehrlich, wenn er erzählt, dass er das so nicht geplant hatte. Er stamme aus einem unpolitischen Haushalt, gemalt habe er schon früh, als erstes auf die Wände seines Kinderzimmers. Später hat er ein Kunstgymnasium besucht und Industriedesign studiert.

Als Jugendlicher war er in der Punkszene unterwegs und kam darüber zum Sprayen. 2008 wurde einer seiner Freunde in Verona von Rechten zusammengeschlagen, 72 Stunden später starb er an einer Gehirnblutung. “Da verstand ich: Ich bin allein”, sagt Cibo. Sein Widerstand begann.

Um zu verstehen, wie viel Mut diese Entscheidung erfordert, muss man sich das Umfeld ansehen: Von italienischen Linken in Anlehnung an die Farbe der Faschisten auch “schwarze Stadt” genannt, war Verona eines der Verwaltungszentren der Italienischen Sozialrepublik, ein faschistischer Satellitenstaat der Deutschen unter Führung Mussolinis. Dieser Geist weht bis heute durch die Straßen.

Im Fußball etwa. 1996 erhängten Ultras des Fußballvereins Hellas Verona im Stadion eine schwarze Puppe, um gegen die Verpflichtung eines dunkelhäutigen Spielers zu protestieren. 2014 wurden bei einem ihrer Sommerfeste Autos in Hakenkreuz­formation geparkt. Oder in der Politik. Flavio Tosi, Veronas Bürgermeister von 2007 bis 2017, trat mit einer Wahlliste an, auf der ein Vertreter der örtlichen Skinhead-Szene und ehemaliges Mitglied einer Nazi-Band stand. 2017 übernahm Federico Sboarina das Amt, er führt eine Koalition aus rechten Parteien und Listen. Seinen Wahlsieg feierte er in einem T-Shirt der Marke “Old School Verona”, die bei radikal-rechten Ultras beliebt ist.

Dazu hat vor Kurzem der aus Verona stammende italienische Familienminister Lorenzo Fontana vorgeschlagen, das “Gesetz Mancino” gegen faschistische Symbole abzuschaffen. Globalisten würden es ausnutzen, um ihren anti-italienischen Rassismus als Antifaschismus zu tarnen. Innenminister Matteo Salvini erklärte sich einverstanden.

“In Sachen Arschlöcher spielt Verona in der Major League”, sagt Cibo, und seit die neue Regierung im Amt ist, spüre er deutlich, dass sich die Rechten im Aufwind fühlen. Cibos Kunstwerke wurden von Anfang an übermalt. Er wurde mehrfach mit dem Tod bedroht. Zuletzt wurden im Dezember der Zaun und das Klingelschild seiner Eltern mit Farbe beschmiert, im Briefkasten lag ein Drohbrief. Da wurde es Cibo zu viel, er tauchte für einen Monat nach Thailand ab. “Woanders als in Verona könnte ich meine Arbeit nicht so erfolgreich machen”, sagt er heute. Es ist ein Scherz, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Für das große Werk des Tages hat er sich ein etwa sechs Meter breites, drei Meter hohes Eisentor an einer Straße am Bahnhof vorgenommen. “White Pride” steht darauf, Hakenkreuze, eine Wolfsangel. Perfekter Untergrund für Würstel mit Kraut.

Wieder zieht er mit fließenden Bewegungen die ersten Linien auf das Tor. Er wird gut eine Stunde beschäftigt sein und dabei nicht unbemerkt bleiben. Schon nach wenigen Minuten stoppt eine junge, blonde Frau bei ihm, fragt, was hier vor sich gehe, macht ein Foto, zieht weiter. Ein Auto hält an, eine junge, dunkelhaarige Frau ruft durch das offene Fenster: “Bist du Cibo? Bravo!” Ein Vater und sein Sohn steigen vom Fahrrad, sehen lange zu. Der Junge sagt, er wolle auch einmal Sprayer werden. Cibo blickt jedem Passanten gleich in die Augen, grüßt offensiv, auch um einschätzen zu können, wen er vor sich hat. Für Interessierte nimmt er sich Zeit, erklärt, was er macht, oder verschenkt einen seiner Buttons, die auf seinem Strohhut stecken. Tagsüber, so scheint es, hat die Gemeinde ihren auffälligsten Straßenkünstler schätzen gelernt.

So weit würde Attilio Gastaldello, Bürgermeister in Cibos Heimatgemeinde San Giovanni Lupatoto, nicht gehen. Wir haben ihm einige Fragen geschickt: Wie beurteilt er die Arbeit von Cibo, wie bewertet er das Problem rechter Schmierereien in seiner Gemeinde? Er ruft an und sagt, er wolle die Fragen nicht beantworten, spricht dann aber doch gut 40 Minuten. Man solle die Gemeinde bitte nicht auf das eine Thema reduzieren. Es sei auch so viel Gutes zu berichten, sagt er, die tollen neuen Radwege zum Beispiel oder die vielen Vereine. Hakenkreuze gebe es keine, und wenn doch mal eines auftaucht, würde die Gemeinde es sofort entfernen. Zudem, so würden böse Zungen behaupten, könnte es doch sein, dass Cibo selbst die Hakenkreuze sprühe, damit er Arbeit habe. Er selbst behaupte dies natürlich nicht.

Angesprochen auf diese Aussage, muss Cibo erst laut lachen, dann sagt er: “Sie haben meinen Freund umgebracht. Und ein Mensch von Kultur ist gar nicht in der Lage, eine Swastika zu zeichnen. Wo sind seine Beweise?” Er könne sich vorstellen, den Bürgermeister wegen Verleumdung anzuzeigen.

Nach etwa einer Stunde Arbeit am Eisentor ist Cibos Werk fertig: fünf Würste auf gelbem Kraut,  gewürzt mit Wacholder und Lorbeer.

Sekunden, nachdem er seinen Namen gesprüht hat, fährt ein Polizeiauto vorbei. “Gehen wir”, sagt Cibo, packt seine Sachen und läuft zum Auto. “Drehen sie um?” Sie drehen um.

Carabinieri mit Sonnenbrillen steigen aus, sammeln unsere Ausweise ein, Personenkontrolle. Nach einigen Minuten rufen sie Cibo auf.

Ob er denn eine Autorisierung habe, hier zu sprühen, fragt einer der Beamten. “Ich bin autorisiert auf einer professionellen und bürgerlichen Ebene. 2019 dürfte es keine Hakenkreuze geben”, entgegnet Cibo, er wirkt geübt.

Ob er denn wisse, dass die Gemeinde dafür zuständig sei? “Ja, aber die Gemeinde kann nicht überall tätig werden. Und hier gehen doch so viele Kinder vorbei!”

Später wird er sagen, dass er einige Schlagworte habe, die gut funktionierten: Kinder; Gemeinde; Legalität.

Er verstehe ja seine künstlerische Ader, sagt der Polizist, aber die Gemeinde würde weißeln. Das, was er tut, sei Verunstaltung, auch wenn man es schön finden könne. Gern könne er zeigen, wie das Tor  vorher ausgesehen hat, sagt Cibo. Und weil er nichts zu verbergen habe, sprühe er auch immer tagsüber. Er sei also ein Serientäter, fragt der Carabiniere und kann dabei ein Schmunzeln nicht verbergen. Er weist Cibo darauf hin, dass auch sie ihn anzeigen könnten, nicht nur der Besitzer des Tores – wenn sie wollten. Großes Interesse an Strafverfolgung strahlen sie jetzt aber nicht mehr aus.

Cibo bedankt sich für den Hinweis. Dann packt er seine Sachen und fährt weiter zu seinem nächsten Projekt.

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Ja, ich war’s. Und ich würd’s wieder tun.

Die Aktivistin Julia Pie ist für einen Tortenwurf auf Beatrix von Storch ins Gefängnis gegangen – freiwillig, aus Protest. Wie war’s? Und hat es sich gelohnt?

Text: Johannes Mitterer, erschienen in: NEON 05/2018

Julia Pie hat sich gut vorbereitet, aber an ihrem vorerst letzten Tag in Freiheit kommt dann doch die Nervosität. Der Rollkoffer, gepackt mit “Harry Potter”-Büchern, einem Ratgeber namens “Wege durch den Knast”, Wärmflasche und Malsachen, gibt ihr gerade keinen Halt mehr. Weit weg wirken die Ratschläge ihrer gefängniserfahrenen Freundinnen: “Führ nicht zu viele Kleinkriege um Klopapier oder Seife.” “Nimm unbedingt ein Radio mit.” Als Julia Pie die Betonmauern der JVA Lübeck sieht, auf denen sich der Stacheldraht emporhebt, wippt sie von einem Wanderstiefel auf den anderen und sagt: “Das hat jetzt doch etwas Bedrohliches.”

Julia Pie, den Künstlernamen hat sie sich selbst gegeben, ist 23, politische Aktivistin und Informatikstudentin. Sie trägt Nasenpiercing, Mütze und Daunenjacke, aus ihren Schuhen schauen die Wollsocken, und dass sie gleich für 14 Tage ins Gefängnis geht, hat sie sich irgendwie selbst ausgesucht. Weil sie eine Torte auf die AfD-Politikerin Beatrix von Storch geworfen hat, zu 150 Euro Geldstrafe verurteilt wurde und sich weigerte, zu bezahlen.

Zwei Wochen Knast, aus Prinzip. Es sind dieselben Prinzipien, wegen denen sie gegen Atomkraft und gegen Nazis kämpft und jetzt auch gegen Gefängnisse, das ist ihr neues Projekt. Julia Pie möchte “die Welt verändern”. Sie lächelt, als sie das sagt, weil sie weiß, wie naiv es für die meisten klingt. Sie aber findet: “Man kann doch nicht über all die Probleme dieser Welt Bescheid wissen und nichts dagegen unternehmen.”

Julia Pie meint das ernst: die Welt verändern. Bloß: Wo fängt man an? Welche Mittel sind im politischen Aktivismus nötig, welche zulässig? Und wie weit muss man gehen?

KNASTTAGEBUCH, TAG 1 – CHECK-IN

“Ich bekomme Zelle 213, eine Einzelzelle, weil ich Nichtraucherin bin. Sie hat den Charme einer billigen Jugendherberge. Hellgelbe Wände, blau karierte Bettwäsche, an der Wand sind Holzmöbel befestigt. Hygieneartikel liegen auch bereit. Fehlt nur noch die Begrüßungsschokolade auf dem Kopfkissen. Als die Zellentür hinter mir zufällt, fällt einiges an Anspannung von mir ab.”

Betrachtet man die Straftat, die Julia Pie begangen hat, fragt man sich, ob es dazu kommen musste: zu zwei Wochen Gefängnis. Es ist Ende November 2016, als die Aktivistin von einer geplanten AfD-Wahlveranstaltung in ihrer Heimatstadt Kiel erfährt. Sie erinnert sich an Aussagen Beatrix von Storchs, dass man an der Grenze notfalls doch auch auf Frauen und Kinder schießen solle. Sie ärgert sich. In der Stadt sieht sie Bilder einer kuchenverschmierten Beatrix von Storch, die die Antifa Kiel verbreitet hat. Einige Monate zuvor hatte ein Mann im Clownkostüm die Politikerin mit einer Torte beworfen.

Also geht sie spontan in den Supermarkt und besorgt sich einen Billigtortenboden. Am nächsten Tag bestreicht sie diesen mit Rasierschaum, weil der besser klebt und weniger gut schmeckt als Sahne, packt ihn in einen Korb, zieht sich ein Hemd an und spaziert vorbei an Demonstranten und Polizei direkt vor das Kieler AfD-Büro. “Ich habe mich dort als interessierte Jungwählerin ausgegeben, die noch nicht sicher ist, wie sie zur AfD steht”, wird sie später erzählen, und in ihrer Stimme wird die Empörung über die Partei einer diebischen Freude über ihren Tortenstreich weichen.

Ob sie denn auch in den Saal dürfe, habe sie den Türsteher gefragt. Nur, wenn in ihrem Korb keine Torte sei. Blöd, so Julia Pie, da sei ja eine Torte drin. Er lässt sie trotzdem rein.

Als Beatrix von Storch zu ihrer Rede ansetzt, schleudert Julia Pie ihre Torte in Richtung Bühne. Ein Securitymann greift ihr im letzten Moment an den Wurfarm, sie verfehlt knapp ihr Ziel. Nur ein paar Schaumkleckse landen auf von Storchs Jackett. Julia Pie wird festgehalten, der Polizei übergeben und in Handschellen abgeführt.

KNASTTAGEBUCH, TAG 2 – DIE NACHT

“Ich schlafe unruhig, immer wieder werde ich davon geweckt, dass im Flur mit laut rasselnden Schlüsseln Türen auf- und zugeschlossen werden. Später beim Hofgang komme ich mit meinen Mithäftlingen ins Gespräch. Eine erzählt mir, dass es hier vor ein paar Jahren mal einen Ausbruch gegeben habe. Danach sei die Mauer um ein bis zwei Meter erhöht worden.”

Im Laufe der Geschichte wurden schon viele Objekte auf Politiker geworfen, die Torte zählt zu den harmloseren. Der Belgier Noël Godin hat insgesamt schon über 150 Personen getortet und so den Tortenwurf zur Kunstform erhoben. Eine Torte ist kein Stein, der den anderen schwer verletzen kann. Sie ist kein Schuh, an dessen harter Sohle der Dreck des Bodens klebt, ein Symbol der Verachtung. Sie ist auch kein Ei, dessen gelbglasiger Glibber sich an Haut, Haare und Sakkos klebt und eklige Fäden zieht. Eine Torte ist ein Clownwerkzeug und, sofern fachmännisch aufgetaut, weich und cremig. Sie demütigt, ohne zu verletzen. Und sie macht lächerlich.

Spannend ist, wie unterschiedlich die Opfer mit dieser Lächerlichkeit umgehen. Manche versuchen, Bilder zu verhindern. Als Sahra Wagenknecht von einer Schokotorte getroffen wurde, schirmten ihre Parteikollegen sie eilig mit einem gestreiften Pullover ab, allerdings vergeblich. Andere bemühen sich, mit Gesten der Coolness wieder Herren der Lage zu werden. Karl-Theodor zu Guttenberg etwa, von Netzaktivisten mit einer Schwarzwälder Kirschtorte attackiert, leckte sich die Finger und schrieb im Nachhinein auf Facebook: “Hurra, eine Tortenattacke! Beim nächsten Mal dann gerne Käsesahne!” Ein Bild des Vorfalls teilte er aber nicht.

Die AfD dagegen hat offenbar kein Problem mit solchen Bildern, im Gegenteil. Beatrix von Storch nutzte die erste Tortenattacke, um sich offensiv zum Opfer zu stilisieren. Sie ließ sich von einem Kollegen fotografieren und stellte die Aufnahme auf ihre Facebook-Seite. Dass sie darauf aussieht wie ein in Schlagsahne getauchter Cockerspaniel, schien ihr gerade recht zu sein. Ihre Gegner bedankten sich für das Foto und verbreiteten es schadenfreudig im Netz. Die Reaktionen ihrer Anhänger aber zeigen, dass von Storch das Spiel mit den Emotionen im Netz selbst ebenso versteht. Sie postete zusätzlich ein Foto des Angreifers und dessen Namen, wenig später standen Geburtstag, Adresse und Telefonnummer des Tortenwerfers im Netz, er wurde bedroht.

Auch ein Tortenwurf ist ein Gewaltakt, selbst wenn er keine körperlichen Verletzungen verursacht. Er kann für den Getroffenen eine traumatische Erfahrung bedeuten, einen Schock. Trotzdem wirkt so ein Wurf ziemlich harmlos im Vergleich zu dem Hass, den er beim Publikum oftmals auslöst.

Julia Pie hat die Reaktionen auf Tortenwürfe beobachtet. “Das ist doch krass. Man wirft eine Torte und bekommt dafür Morddrohungen.” Eine Torte ist in ihren Augen keine Gewalt. “Gewalt ist, an der Grenze auf Flüchtlinge zu schießen.” Julia Pie sieht eine klare Verbindung zwischen Beatrix von Storch und brennenden Flüchtlingsheimen. Und so ist es für sie auch moralisch vertretbar, eine Torte auf sie zu werfen. “Ich will, dass man die AfD als Problem ernst nimmt, nicht als Partei”, sagt sie.

KNASTTAGEBUCH, TAG 4 – ALLTAG

“Langsam bekomme ich eine gewisse Routine. Ich werde jeden Morgen vom Schlüsselrasseln geweckt. Ich weiß, wann die Mahlzeiten sind (6.45, 11.45, 17.30) und bis wann ich Anträge und Briefe abgeben muss. Außerdem erhalte ich den zweiten Schwung Post. So langsam ist meine Pinnwand voll mit Postkarten. Beigelegte Fotos oder Zeitungsartikel werden mir aber weggenommen.”

Das Medienecho auf Julia Pies Tortenwurf ist verhalten, nur einige Szeneblätter greifen den Vorfall auf. Der Grund ist simpel: Julia Pie hatte keinen Kameramann dabei. Beatrix von Storch postet zwar einige Fotos der Veranstaltung auf ihrer Facebook-Seite, darunter auch ein Bild des tortenverschmierten Fußbodens, dazu schreibt sie: “Wieder eine Torte. Wieder der Versuch, uns mundtot zu machen.” Aber auch ihr fehlt ein knackiges Motiv.

Erst als die AfD Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch und Körperverletzung stellt, beginnt der Trubel um Julia Pie. Sie bringt einen dicken Ordner in den Gerichtssaal, zieht das Verfahren mit immer neuen Beweisanträgen in die Länge und liest unter anderem Texte über die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen 1992 vor. Der Gerichtssaal ist voll, ein gutes Dutzend Medien berichten über den Prozess, teilweise auch genervt. Das “Hamburger Abendblatt” etwa bezeichnet den Prozess als “Farce”, Julia Pie ziehe mit ihrem Verhalten das Gericht ins Lächerliche.

KNASTTAGEBUCH, TAG 5 – GESPRÄCH

“Um einen Einblick in alle Bereiche des Gefängnisses zu bekommen, besuche ich auch die Psychologin. Wir sprechen über meine Langeweile im Knast und mein Studium, am Ende sagt sie mit grimmiger Miene: ‘Die Frauen hier brauchen kein Blog (sie meint mein Knasttagebuch), sie brauchen Hilfe. Sie sind naiv und haben nicht das erlebt, was die Frauen hier durchgemacht haben. Für Sie ist Gefängnis ein Verlust Ihrer Freiheit, für viele andere Frauen ist es eine Entlastung.’ Aber ist es nicht ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, wenn Menschen erst eingesperrt werden müssen, um Hilfe zu erhalten eine Unterkunft, regelmäßiges Essen, medizinische Versorgung? Insofern interessiert es mich wenig, was die Frauen hier getan haben niemand gehört in den Knast.”

Von den Anschuldigungen bleibt am Ende wenig übrig. Da von Storch nicht verletzt und Julia Pie wissentlich mit Torte in den Raum gelassen wurde, geht es am Ende nur noch um Beleidigung, weil der Tortenwurf eine “symbolische Missachtung ihrer Person darstellte”. Sie wird zu 150 Euro Geldstrafe verurteilt und beschließt stattdessen ins Gefängnis zu gehen. Als Zeichen gegen die AfD und für ihr neues Projekt: Gefängnisse seien von Grund auf falsch, auch diese Botschaft will Julia Pie verbreiten. Woher kommt dieser Drang zu radikalen Veränderungen?

Zwei Wochen nach ihrer Haftentlassung sitzt Julia Pie in einem Café in der Nähe ihrer Uni in Kiel und überlegt. “Ich glaube, meine politische Prägung habe ich von meinem Großvater”, sagt sie, einem Alt-68er, der bis heute bei den Grünen aktiv ist. Sie erzählt von politischen Gesprächen beim Abendbrot und Wahlplakaten in der Garage. An ihre erste Demo erinnert sie sich gut. “Das war 2012”, sagt sie, den Ausflug beschreibt sie wie ein Abenteuer: um drei Uhr aufstehen, mit der Grünen Jugend nach Dresden fahren, einen Nazi-Umzug blockieren. “Damals habe ich mich noch im Hintergrund gehalten.”

Kurze Zeit später drängte sie nach vorn: Im Oktober 2013 blockierte sie mit rund 30 anderen Aktivisten eine Fabrik für Brennelemente für Atomkraftwerke im Emsland. Im Dunkeln schlichen sie durchs Gebüsch, setzten sich in die Einfahrt, kletterten auf Bäume. “Das war meine erste kleine Blockade”, sagt sie, wieder war es aufregend, zugleich spürte sie die Macht, etwas verändern zu können. Sie spricht jetzt schneller, begeistert, erzählt von Workshops, an denen sie vorher teilgenommen hatte, zum Beispiel zum “Bewegen im Dunkeln”. Die Polizei räumte die Blockade und nahm die Aktivisten mit auf die Wache. Es folgte Julia Pies erstes Verfahren wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt.

Es sind diese zwei Protesterfahrungen, die ihr den fundamentalen Unterschied zwischen Parteiarbeit und politischem Aktivismus zeigten. In Parteien, das kennt sie aus ihrer Zeit bei der Grünen Jugend, wird sich versammelt und diskutiert, es braucht lange Auseinandersetzungen, um am Ende zu sagen: Wir fordern. Bei politischen Aktionen dagegen sind die Wege kürzer, die Gruppen kleiner, die Prozesse schlanker; und anstatt zu fordern, heißt es am Ende: Wir machen. “Ich habe gelernt, dass auch wenige Menschen etwas erreichen können”, sagt Julia Pie.

Mit der Zeit lernte sie, dass heute vor allem derjenige Gehör findet, der laut ist, bildstark, pointiert. Wer in den Fluten aus Trump-Tweets und Katzenbildern an der Oberfläche schwimmen will, muss ziemlich strampeln.

KNASTTAGEBUCH, TAG 6 – CHOR

“Über eine Durchsage erfahre ich, dass ein Chor stattfindet. Es geht los mit Stimmaufwärmübungen. Die Gesangslehrerin hat ein Keyboard dabei, spielt etwas vor und lässt uns nachsingen. Schneller, als mir lieb ist, ist die Stunde schon rum. Zum ersten Mal finde ich es schade, dass ich in einer Woche wieder draußen sein werde. Direkt danach verwerfe ich den Gedanken angewidert wieder und ärgere mich, dass ich mich mit Chorunterricht einlullen lasse.”

Wer mit Julia Pie durch Kiel läuft, bekommt eine etwas andere Stadtführung. “An diesem Gebäude hing ich schon mal, um ein Banner gegen Atomtransporte aufzuhängen”, sagt sie am Hauptbahnhof. An einem Platz: “Auf diesen Baum bin ich schon mal bei einer politischen Aktion geklettert.” Auf einer Grünfläche vor der Sparkasse: “Auf dieser Wiese habe ich schon mal gewohnt, als hier das Occupy-Camp war.” Hinter einem Supermarkt: “Aus diesem Container nehme ich mein Essen.” Wenig später, ein unscheinbarer Veranstaltungsraum in einer Seitenstraße. Innen kleben Flyer mit dem Spruch “Mut zu Deutschland”, außen an den blass-grün eingefassten Fenstern hängen Zettel, auf denen steht: “FCK AFD” . “Das ist es”, sagt Julia Pie, das AfD-Büro in Kiel.

Man könnte sagen, Julia Pie ist bereit, viel für ihre Ziele zu opfern, sogar ihre Freiheit. Oder man könnte sagen, Julia Pie schafft es sogar dann, wenn der Rechtsstaat ihr mit seiner härtesten Maßnahme droht, dem Freiheitsentzug, selbst über ihr Schicksal zu bestimmen. Die Frage ist nicht, wie weit man geht, sondern, wie man diesen Weg beschreitet. Es klingt kindlich, wenn sie grinsend von ihren Aktionen erzählt, vom Anschleichen im Dunkeln, vom Klettern, vom Schauspielern. Es ist ein Spaß, manchmal ein Streich. Wenn sie aber das Gefühl beschreibt, das solche Aktionen in ihr auslösen, klingt sie sofort ernst. “Mir geht es darum, handlungsfähig zu sein”, sagt sie. Probleme selbst anzupacken, nicht darauf zu warten, dass jemand anders sie löst, und vor allem, sich den Hierarchien nicht zu ergeben. Deshalb studiert sie Informatik, weil sie die Herrschaftsinstrumente der modernen Zeit verstehen und sich gegen sie wappnen möchte. Deshalb geht sie ins Gefängnis und nutzt es als Bühne.

Als sie Anfang Februar in Lübeck ihre Strafe antritt, sind unter anderem Reporter der DPA vor Ort, RTL filmt in ihren Koffer. Bilder, wie Julia Pie vor dem Gefängnis eine Torte aus Bauschaum auf ein Foto von Beatrix von Storch schleudert, laufen später in den Nachrichten. Julia Pie spricht darüber, dass sich gesellschaftliche Probleme aus ihrer Sicht nicht durch Strafen und Gefängnisse lösen lassen. Dann rollt sie ihren Koffer durch das Eisentor der JVA und verschwindet. Im Gefängnis führt sie Tagebuch, ihre Texte schickt sie per Post an ihre Unterstützer, die diese auf einem Blog veröffentlichen.

TAG 10 – OFFENER VOLLZUG

“Ich werde in den offenen Vollzug versetzt, weil meine Flucht- und Missbrauchsgefahr (Drogen, Gewalt) gering genug sei. Ebenso die Wiederholungsgefahr: Ich hätte zwar angekündigt, weiter mit Torten zu werfen, aber die Abteilungsleiterin glaubt nicht, dass ich das im Knast tun werde. Die Vorteile: Die Gitterstäbe vor den Fenstern fehlen, ich kann jederzeit an die frische Luft und dürfte sogar ein Handy besitzen. Statt vom Schlüsselrasseln werde ich nun von zwitschernden Vögeln geweckt. Ich frühstücke gemeinsam mit anderen Gefangenen in der Küche, am Vormittag packen wir die Liegestühle aus und breiten uns im Garten hinterm Haus aus. Aber gerade deswegen ist offener Vollzug so ekelhaft: weil man ihm kaum anmerkt, dass es sich immer noch um Knast handelt. Kontrolle und Überwachung sind immer noch da.”

Am Ende des politischen Spaziergangs durch die Stadt sitzt Julia Pie in einer Kneipe und sagt: “Ich bin froh, dass ich wieder draußen bin.” Es sei eine Erleichterung gewesen, zu wissen, dass sie jeden Tag hätte abbrechen können, indem sie die Geldstrafe bezahlt. “Aber es war gut, dass ich diese Erfahrung gemacht habe, anstatt die Diskussion über Gefängnisse nur theoretisch zu führen”. Ein Fazit wie nach einem Praktikum.

Ihre Antworten haben oft etwas Sperriges, manchmal Vorgestanztes. Weil sie Persönliches abblockt und lange überlegt, bevor sie politische Aussagen macht, abwägt, ob sie falsch verstanden werden könnte. Die Aufmerksamkeit der vergangenen Monate ist ihr eher unangenehm. “

Mir macht es keinen Spaß, mein Gesicht in die Kamera zu halten”, sagt sie. Sie tue das nur, um politische Inhalte zu vermitteln. Man glaubt ihr, dass es ihr nicht darum geht, bekannt zu werden. Wer gegen zunehmende Überwachung protestiert auch das ist eines ihrer Themen, kann schlecht sein Privatleben in den Medien ausbreiten.

Es ist ein grundlegendes Misstrauen gegenüber dem System, seinen übermächtigen Institutionen und Hierarchien, das ihren Aktionen zugrunde liegt. Gegenüber der Politik, weil sie nicht glaubt, dass sie die Probleme der Menschen anpackt. Gegenüber Polizei und Justiz, den ständigen Gegenspielern bei ihren politischen Aktionen. Gegenüber den Medien.

Wie stellt sich Julia Pie ihre Zukunft vor? “Mein Ziel ist es, lebenslang politische Aktivistin zu sein”, sagt sie. Sie könne sich vorstellen, ein paar Stunden die Woche einen normalen Job anzunehmen, solange dieser ethisch vertretbar sei. Den Rest ihrer Zeit würde sie mit politischer Arbeit verbringen, aber niemals für Geld. “Geld verändert Menschen”, sagt sie. Notfalls würde sie auch wieder eine Torte werfen. Das Geld für einen Billigboden und eine Flasche Rasierschaum wird sie schon irgendwie zusammenbekommen.

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