Ewige Jagdgründe

Wer die Gams im Hochgebirge erlegen will, muss fit sein, hervorragend schießen und vor allem: Geduld haben. Deshalb zählt die Gamsjagd
in den Alpen zu den anspruchsvollsten Jagddisziplinen. Unterwegs über Stock und Fels in den österreichischen Bergen

Text: Johannes Mitterer, erschienen in: BEEF! Spezial Bayern (11/2017)

Für einen kurzen Moment steht die Gams still, schnüffelt und lauscht. Sie weiß, da ist jemand in ihrem Revier, jemand Fremdes. Sie hat es gerochen, vorhin, als der Wind gedreht hatte. Dann ist sie geflüchtet, ein kurzes Stück, quer über das Geröllfeld, durch die Schneerinne und über den Hang wieder hoch Richtung Gipfel. Nur ein paar Meter liegt sie zurück hinter ihrem Rudel. Sie ist alt, das Fell auf ihren Backen grau, aber ihr Körper ist kräftig und noch gut in Schuss. Ein, zwei kurze Sätze, und sie steht oben auf dem Felsen, der etwas aus dem Berg hervorragt: ein guter Aussichtspunkt, um sich neu zu orientieren. Sie macht kurz Pause, schnüffelt, aber der Wind hat wieder gedreht, der fremde Geruch von vorhin ist verschwunden. Sie blickt nach unten, aber nichts bewegt sich. Sie lauscht, aber einen Knall hört sie nicht.

VORBEREITUNG

Am Abend zuvor in Zederhaus, einem 500-Einwohner-Dorf rund 100 Kilometer südlich von Salzburg. Markus Meindl lädt die Ausrüstung für die Gamsjagd aus seinem grauen Porsche Cayenne, bei der wir, ein Reporter und ein Fotograf, ihn und seinen neunjähringen Hund Romeo begleiten werden.

Seit 15 Jahren geht Meindl schon „Jagern“, wie man in Bayern sagt, wenn man „zur Jagd“ meint. Jagern ist in Bayern Tradition, und einer wie Meindl, der hauptberuflich edle Lederhosen herstellt, hält diese Tradition natürlich hoch. Vor allem aber ist Jagern für Meindl eine Leidenschaft, die er mit Freunden teilt. Und es ist eines jener Abenteuer, die es heute kaum noch gibt, in einer Zeit, in der viele Fleisch nur aus dem Supermarkt kennen. Meindl, breites Kreuz, muskulöse Arme und ein grauer Dreitagebart als einziges Indiz für 45 Lebensjahre, ist einer, der sich noch unter den Abenteuern die größten heraussucht. Die Gamsjagd im Hochgebirge gehört dazu.

Weiter geht es mit dem Pistenfahrzeug, das Markus Meindl in Zederhaus auf dem Bauernhof seines Aufsichtsjägers Matthias Moser geparkt hat. Moser verwaltet mehrere Reviere in dieser Region, darunter auch Meindls, er kümmert sich um die Pächter, achtet auf die Einhaltung der Abschuss- quoten, überprüft jeden einzelnen Abschuss. Nacheinander schichtet Meindl das Equipment auf die Ladefläche des Yamaha Rhino, ein dunkelgrünes Geländefahrzeug mit Doppelsitz und Überrollbügel: 1. hochalpine Bergschuhe, Rucksack, warme Kleidung; 2. Regenkleidung, das Wetter soll schlecht werden; 3. ein Wanderstock aus Weidenholz; 4. Plastiktüten voller Brotzeit: Käse, Leberkäse, Speck, Salami, Brot und Eier, Essiggurken, Pfefferoni und Senf; 5. Fernglas mit Entfernungsmesser und Spektiv, einer Art Fernrohr; 6. zwei Gewehre von Blaser, einem Jagdwaffenhersteller aus dem Allgäu: „die Kleine“, so nennt sie Meindl, eine K 95 Kipplaufbüchse, 270er-Kaliber, drei Kilo schwer, und „die Große“, eine R8 Geraderepetierbüchse, mit Vier-Schuss-Magazin und 300er-Kaliber, sechs Kilo. Beide aus Wurzelholz gefertigt, mit großen Zielfernrohren auf dem Lauf.

Meindl hat seine beiden Büchsen seit zehn Jahren, er hat jeden Handgriff tausendmal gemacht, öfter zur Übung, oft genug auch zum Abschuss. Trotzdem hat er bei der Anfahrt einen Zwischenstopp am Schießstand der Salzburger Jägerschaft eingelegt, einem flachen Zweckbau mit schallisolierten Kabinen, in denen es knallt und die Wände wackeln, wenn der Schall vom Ende des Tunnels zurück gegen die Kabinen prallt. Waffen einschießen. Meindl feuerte ein paar Probeschüsse ab, 100 Meter, Treffer, 200 Meter, Treffer.

Es ist schon dunkel, eisige Luft weht in unsere Gesichter, als wir mit dem Rhino durch Zederhaus brausen, unter der Autobahn hindurch bis zu einer Abzweigung. Meindl stoppt kurz, schaltet den Rhino auf Allrad und biegt rechts ab auf den Waldweg, der hoch zur Jagdhütte führt. Die Stollenreifen graben sich in den Boden, der Weg wird steiler, das Gelände fällt zur Hangseite steil ab. Der Regen hat tiefe Furchen ausgewaschen, doch der Rhino klettert stur die Serpentinen hinauf, „der schafft auch noch 20 Zentimeter Neuschnee“, sagt Meindl. 20 Minuten später, auf 1600 Höhen- metern, endet die Straße, und im Scheinwerferlicht taucht die Jagdhütte auf: ein Holzhäuschen mit Zaun unterhalb einer Felswand, links ein ausgetrockneter Brunnen, davor eine Holzterrasse mit massiver Hausbank. „Kein Luxus, aber es ist alles da, was man braucht“, sagt Meindl; ein Wohn- raum mit Tisch, Eckbank, kleiner Küche und Holzofen, ein Bettenlager unter dem Dach und, ganz wichtig, ein Erdkeller für Bier und Wein.

Wir heizen ein, machen Brotzeit, und zu Schnapserl und Bier beantwortet Meindl bereitwillig jene Fragen, die jeder Jäger kennen dürfte. Muss das sein, das Jagern? Schießen? Regelt sich die Natur nicht von selbst?

„Die Jagd ist aktiver Naturschutz“, sagt Meindl, jeder Abschuss, sofern waidmännisch erfolgt, trage zum Erhalt des Wildtierbestandes bei. „Waidmännisch“, diesen Begriff benutzt Meindl oft. Waidmännisch handelnde Jäger dezimieren den Wildbestand, sodass ein gesundes Gleichgewicht herrscht. Sie schießen kranke Tiere, ehe sich Krankheiten in den Rudeln ausbreiten. Allein für die Trophäe schießen sie nicht. Dementsprechend dämpft Meindl die Erwartungen an den morgigen Tag: „Jagern ist meist nicht viel mehr als ein bewaffneter Spaziergang.“ Dass wir eine zum Abschuss geeignete Gams finden und dann noch erwischen, sei alles andere als wahrscheinlich. Um kurz vor zehn Uhr rollen wir unsere Schlafsäcke aus und gehen zu Bett. Drei Bier und drei Schnapserl sind das Zielwasser für den nächsten Tag.

AUFSTIEG

Nur der frühe Vogel schießt die Gams: Um 4.45 Uhr, Stirnlampen auf dem Kopf, Rucksäcke auf dem Rücken, brechen wir auf. Nieselregen knistert gegen unsere Regenjacken, und der bewaffnete Spaziergang beginnt eher wie eine bewaffnete Klettertour. Meindl hat „die kleine“ Büchse über die Schulter geworfen und klettert voraus, rechts die steile Böschung hoch. Wir klettern über gestürzte Lärchen, an abschüssigen Stellen klammern wir uns mit den Händen an Grasbüschel und Sträucher. Immerhin ist es so steil, dass wir uns nicht tief bücken müssen, um den Boden zu greifen. „Schade, dass es keinen Meter Schnee hat“, findet Meindl.

Drei Männer keuchen und schwitzen, drei Lichtkegel wackeln durchs Gebirge. Nur Romeo, braunes Fell, lange, kräftige Beine, läuft munter nebenher.

Eine Stunde später, auf knapp 2000 Metern, haben wir einen Jägerstand erreicht, eine überdachte Bretterkanzel, in etwa vier Metern Höhe in der Gabel einer Lärche verankert. Wir wechseln die nassgeschwitzte Unterwäsche, denn „wenn Du einmal frierst, erholst Du dich den ganzen Tag nicht mehr“, sagt Meindl. Er hofft, dass mit der Sonne das Rotwild zum Äsen auf die Lichtung kommt. Aber der Wind bläst aus allen Richtungen: „Und wenn der Wind jagert, kann der Jäger zu Hause bleiben.“

Vom Hochsitz überblicken wir die Lichtung, hin und wieder hebt Meindl das Fernglas, setzt es ab, hebt es wieder an. Die Sonne geht auf, wir sehen die Lärchen, die als letzte Bäume dem Höhenklima trotzen, aber ihre Nadeln schon abgeworfen haben. Wir sehen hinter uns das Tal und die massiven Berggipfel auf der anderen Seite. Graubraune Felsen, grün-braune Wiesen, braun-graue Bäume, der Berg trägt Tarnfarben. Aber Wild sehen wir nicht. Vielleichthat es uns gerochen, vielleicht äst es heute Morgen einfach woanders, hilft nichts, „pack mas wieder“, sagt Meindl um sieben Uhr, weiter hoch, ins Gamsrevier.

PIRSCH

280 Hektar umfasst Meindls Revier, ein Talschluss, steil und schroff. Im Frühjahr treiben die Bauern ihre Rinder auf die saftigen Almweiden, die wie eine weiche Decke auf dem kristallinen Gestein liegen. Meindls Revier kennt keine Wanderwege und so auch keine Wanderer. Ein Zaun mit Sta- cheldraht markiert die westliche Grenze des Reviers, an ihm entlang steigen wir weiter Richtung Gipfel. Immer wieder treten wir über frische Losungen vom Rotwild. Wir lassen die letzten Bäume hinter uns, das Gelände wird felsiger, ein Birkhahn ergreift flatternd die Flucht. Alle paar Minuten sucht Meindl die Hänge mit dem Fernglas ab, und nach einer halben Stunde entdeckt er die Gamsen. Vor uns am Horizont, nahe der östlichen Grenze des Reviers, wo das Bergmassiv nach links abbiegt, stehen sie: etwa zehn schwarze Punkte auf einem Geröllfeld, 1500 Meter Luftlinie entfernt. „Da müssen wir hin“, sagt Meindl.

Die Geißen, also die weiblichen Gamsen, leben mit ihren Jungtieren, den Kitzen, in kleinen Rudeln von 15 bis 30 Tieren zusammen. Auch die jungen Böcke bilden kleine Rudel, die alten, erfahrenen Männchen dagegen sind als Einzelgänger unterwegs. Nur in der Brunftzeit von November bis Mitte Dezember gesellen sich die Böcke zu den Geißen.

Auf 2400 Metern liegt vermehrt Schnee wie verklumpter Puderzucker auf dem Gras, an manch schattiger Stelle zwischen den Felsen ist der Boden vereist. Dafür scheint wider Erwarten die Sonne, nur nicht auf uns, wir stehen auf dem Nordhang. Wir setzen unsere Pirsch quer zum Berg fort, ein paar Meter unter der Linie, bei der sich das Gras den Felsen ergibt, rechter Hand die Gipfel, linker Hand das Tal. Meindl geht voraus, Romeo folgt ihm. „Er ist kein gelernter Jagdhund, aber er weiß genau, worum es geht“, sagt Meindl. Auf halber Strecke duckt er sich hinter eine kleine Erhöhung, greift zum Spektiv und beginnt mit der Ansprache des Rudels – das bedeutet, er versucht genau herauszufinden, um welche Tiere es sich handelt. Die Einteilung erfolgt nach Geschlecht und Alter in drei Kategorien – Klasse 3: Bock mit einem Jahr, Geiß mit einem Jahr; Klasse 2: Bock bis sechs Jahre, Geiß bis neun Jahre; Klasse 1: Bock ab sieben Jahren, Geiß ab zehn Jahren. Meindl darf drei Gamsen pro Saison schießen, so hat es die Salzburger Jagdbehörde festgelegt. Einen jungen (3er) und einen alten (1er) Bock hat er schon erwischt, nur eine alte (1er) Geiß, „die hab ich noch frei“, sagt er.

Allein bei kranken Tieren darf er von der Quote abweichen. Bloß: Wie soll man das erkennen, noch dazu aus dieser Entfernung? „Ein Gamsjäger, der behauptet, er hätte sich nie getäuscht, der lügt“, sagt Meindl. Sein erster Blick geht zum Kopfschmuck der Gamsen, den Krucken: je höher und stär- ker die beiden Hörner, desto älter das Tier. Allerdings tragen bei den Gamsen nicht nur die Böcke ein Geweih, sondern auch die Geißen. Meindls Blick wandert weiter zur Bauchlinie: Hat das Tier einen Pinsel zwischen den Beinen, ist es ein Männchen, hat es Zitzen, ist es ein Weibchen, sind die Zitzen geschwollen, führt es gerade ein Junges. Er studiert das Verhalten der Tiere im Rudel: Läuft eine Geiß einige Meter hinter den anderen her, ist sie möglicherweise so alt, dass sie bald aus dem Verbund verstoßen wird. Grau meliertes, verwaschenes Fell an den Schläfen, den sogenannten Zügeln, ist ein weiteres Anzeichen von hohem Alter.

Gerade bei Geißen kann ein Jäger viel Schaden anrichten. Erschießt er ein Muttertier, wird das Junge den anstehenden Winter nicht überleben. Erwischt er die Leitgeiß, gerät das ganze Rudel in Gefahr. Sie führt die anderen Tiere durch den Winter, kennt das Gelände, die Lawinenhänge, die Gefahren. „Jagen ist Beobachten“, sagt Meindl, „man braucht viel Erfahrung und viel Glück, aber vor allem muss man sich viel Zeit nehmen.“ Und im Zweifelsfall müsse man dann eben auch abbrechen.

Ein paar Minuten lang verschafft sich Meindl eine erste Vorstellung über die Strukturen im Rudel. Nun zählen wir schon 16 schwarze Punkte auf dem Geröllfeld – die Chancen, dass eine 1er-Geiß dabei ist, steigen mit jedem Punkt. Wir marschieren weiter. Je näher wir kommen, desto leiser sprechen wir, desto geduckter gehen wir, und desto gezielter nutzen wir den Berg als natürliche Deckung. Da uns der Wind ins Gesicht bläst, sollte uns unser Geruch nicht verraten. Plötzlich hetzen 150 Meter talabwärts zwei Gamsen vorbei. Meindl nimmt die Büchse von der Schulter, legt an, doch zieht gleich wieder zurück: zwei Böcke – nicht erlaubt.

Ein paar Minuten später, gegen 8.45 Uhr, erreichen wir die letzte Geländebiegung, hinter der sich der Hang mit den Gamsen öffnet. Meindl legt seinen Rucksack ab und klettert ein kurzes steiles Stück nach oben, bis er über den Scheitel sieht. Die schwarzen Punkte von vorhin haben mittlerweile Beine und Köpfe, und sie sind noch mehr geworden. Zu
den 16 Gamsen im Geröllfeld zählen wir sechs weitere, näher als die anderen, etwa 250 Meter entfernt. Meindl peilt die Gamsen erst durch sein Spektiv an, dann durchs Fernglas, schließlich durchs Zielfernrohr seines Gewehrs. Er sieht ein paar Böcke, einige Jungtiere und ein paar mehr Geißen. Zwei davon sehen vielversprechend aus. Meindl legt an
und beobachtet, setzt ab, legt wieder an. Er zögert. Ein Kitz steht zwischen den beiden Geißen. Welche ist die Mutter? Plötzlich heben die Gamsen ihre Köpfe und rennen los, zwei, drei Tiere zuerst, dann das ganze Rudel, weg von uns Richtung Gipfel. „Jetzt haben sie uns gehabt“, sagt Meindl – der Wind hat gedreht und uns doch verraten. Ein wenig enttäuscht, aber mit dem Gefühl, waidmännisch gehandelt zu haben, heben wir unsere Rucksäcke auf.

ZWEITER ANLAUF

Auf direktem Weg gehen wir Richtung Jagdhütte, abwärts über Gestrüpp und Stein, vorbei an einem massiven Felsbrocken, der vor einigen Jahrzehnten aus dem Berg gebrochen und abgestürzt sein muss. Doch nach ein paar Hundert Metern wittert Meindl eine neue Chance. Das Gamsrudel klettert zu unserer Rechten den Hang entlang, nur aufwärts statt abwärts. Den Schreck von vorhin scheinen die Tiere überwunden zu haben, der Wind hat wieder gedreht, und der fremde Geruch ist verschwunden.

Die nächsten Minuten sollten sich später anfühlen wie im Zeitraffer, fünf Stunden Wanderung verdichten sich in einem minutenkurzen Höhepunkt. Meindl durchquert einen Graben, durch den ein kaltes Rinnsal fließt, steigt die nächste Böschung hoch, nimmt seinen Rucksack ab und legt an.
Er sieht die beiden Geißen von vorhin, eine hält Anschluss ans Rudel, bei ihr ein Junges. Und weiter hinten, etwas abgeschlagen, eine einsame Geiß. Nur: Wir sind sehr weit weg, sicher 400 Meter. Meindl robbt auf dem Bauch über die kleine Ebene, steigt hinunter in den nächsten Graben und von
dort mit hastigen Schritten den nächsten Hang hinauf, gut 75 Meter. Oben angekommen, wirft er sich ins Gras, misst kurz die Entfernung mit dem Fernglas: 359 Meter, legt an, und – es knallt – schießt. Ein Kontrollblick, dann ballt er die Faust und stößt einen Jubelschrei aus: „Geil, das ist Jagern!“

BERGUNG UND ABSTIEG

Nach dem Schuss kommen die Fragen: Hat er getroffen? Ja. Ist die Gams tot? Ja, Blattschuss. Sonst müssten wir das verletzte Tier jetzt verfolgen. Wo ist die tote Gams? Wir haben Glück: Sie ist über eine Schneerinne in unsere Richtung abgestürzt. Denn wer schießt, muss bergen.

Romeo findet die Gams als erster, gut 300 Meter weiter oben in der Rinne. Rote Flecken im Schnee markieren ihren Absturz. Meindl prüft als Erstes die Zitzen: keine Milch, also kein Muttertier. Dann die Wunde: sauberer Blattschuss.

Auf der Seite, auf der die Kugel ausgetreten ist, ist das Fell blutverschmiert. Als Letztes zählt er die Jahresringe an den Schläuchen: elf Jahre, schätzt er, also alt genug für eine Geiß der ersten Kategorie. Was ist das für ein Gefühl? „Ein gutes“, wird Meindl später sagen, „aber kein erhebendes.“

Noch an Ort und Stelle bricht er die Gams mit seinem Jagdmesser auf. Er schneidet den Bauch auf und löst die Eingeweide heraus, es gurgelt und dampft, Meindls Hände färben sich blutrot. Die Innereien lassen wir hier für Fuchs oder Steinadler, die leere Geiß packt Meindl an den Hörnern und rutscht mit ihr das schmale Schneefeld hinab zu den Rucksäcken. Zur Feier gibt’s ein Schnapserl aus dem Flachmann. „Das gehört zum Jagern dazu“, sagt Meindl. Dann wickelt er einen Strick mit Holzgriff um Vorderläufe und Hörner und marschiert los, die Gams hinter sich ziehend wie einen 30 Kilo schweren Schlitten ohne Kufen. „Eine Stunde ist okay“, sagt Meindl. Danach wird das auch für ihn anstrengend. Unterwegs wäscht er die Gams in einem Bach aus, und um halb zwölf sind wir zurück bei der Jagdhütte.

Zur Belohnung gibt’s ein Bier, und wir heizen den Holzofen fürs Mittagessen an: Rührei mit Speck und Käse, dazu Krustenbrot. Nach dem Essen beladen wir den Rhino, Gepäck hinten, Gams vorne als Galionsfigur, und brettern ins Tal, um beim Aufsichtsjäger Bericht zu erstatten. Matthias Moser ist ein gut gelaunter Mann, der Gäste und Anrufer mit einem freundlichen „Waidmannsheil“ begrüßt. Als er die Geiß auf dem Geländewagen sieht, ist er begeistert. „Du taugst mir“, sagt er zu Meindl, „aus 359 Metern – Du bist ein Kaiserjäger!“ Moser zählt die Jahresringe nach, errechnet 13 Jahre, sagt: „Wahnsinn, 1er-Geiß, wow!“ Gemeinsam hängen sie die Gams in den Kühlcontainer, Moser wird ihr Fleisch später räuchern, Meindl aus der Haut eine Lederhose machen, der Oberkörper kommt zum Präparator für die Trophäe.

Dann bittet uns Moser in seine Stube, auf ein Schnapserl zur Feier des Tages. Immerhin ist er vielfach preisgekrönter Edelbrenner, vor ihm sind schon schottische Whiskybrenner auf die Knie gefallen. „Probieren wir die Wildkirsche“, sagt er, „wie wär’s mit der Vogelbeere?“, und „jetzt die Quitte,
die kennt hier eh keine Sau“. Seine Frau bringt Himbeerlikör, „das süße Zeug“, schimpft Moser, lacht und bringt Enzianschnaps und Whisky. Ein Schnapserl gehört schließlich zum Jagern dazu.

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