Nazis sind Würste

Der Künstler Cibo kämpft in seiner Heimat Verona gegen Faschisten – mit bunten Bildern von Essen. Ein Widerstand, der viel ernster ist, als er aussieht.

Text: Margherita Bettoni, Johannes Mitterer | erschienen in: JWD #11

Widerstand kennt viele Farben und Formen, aber selten ist er so bunt wie bei Cibo: rosa Würste, gelbe Paprika, grüner Basilikum, lila Cupcakes in türkisen Förmchen, so sehen die Mittel aus, mit denen Cibo gegen Faschismus kämpft. Mittel, die er noch viel zu oft einsetzen muss, das zeigt sich schon in seiner Garage, die man seine Einsatzzentrale nennen kann, weil es durchaus Einsätze sind, auf die sich Cibo hier vorbereitet. Sorgsam, sonst kann es auch gefährlich werden.

In der Ecke stapeln sich die Sprühdosen, nach Farben sortiert oder nach Speisen in Kartons verpackt und beschriftet, falls es mal schnell gehen muss: “Peperoncini”, “Kürbis”, “Kastanien”. An der Wand hängen Landkarten mit den Gemeinden San Giovanni Lupatoto, Zevio, Raldon, alles Vororte von Verona. Sie sind das Kerngebiet von Cibo. Schwarze Punkte markieren, wo er schon tätig wurde.

Der Street-Artist Cibo, ausgesprochen “Tschibo”, italienisch für Essen, ist ein drahtiger Mann mit kahlem Kopf, Dreitagebart und kräftigen Unterarmen. Vor vier Jahren hat Cibo, bürgerlich Pier Paolo Spinazzè, 38 Jahre alt, angefangen, Nazischmierereien wie Hakenkreuze, Runen und Hassbotschaften mit Essensbildern zu übersprühen.

Er führt einen Kampf um die Wände, Mauern und Verteilerkästen seiner Heimatprovinz Verona, um den öffentlichen Raum, den er nicht den Rechten überlassen möchte. Sein Kampf hat ihm schon Bedrohungen und Anzeigen eingebrockt, aber er führt ihn selbstbewusst: “Talent zu haben und es nicht einzusetzen ist so, als hätte man einen Flammenwerfer und würde damit Zigaretten anzünden”, sagt Cibo.

Um halb elf Uhr morgens, Cibo hat sich seinen Strohhut aufgesetzt und einen Schal aus rosa Stoffwürsten umgelegt, fährt er los. Unterstützer haben ihn auf mehrere Schmierereien um den Bahnhof im Ort San Bonifacio hingewiesen. Vier dieser Stellen ist er vorab schon einmal abgefahren, um zu prüfen: Gibt es Kameras? Welche Leute hängen dort herum? Welches Design könnte passen? Sein Konzept für das große Werk des Tages: “Wurstel con Crauti”, Würste mit Kraut, weil das uns Besuchern aus Deutschland doch gefallen müsste.

Sprayen und Street-Art sind Kunstformen, die in Nächten geboren wurden, illegale Tätigkeiten, groß geworden im Schutz der Dunkelheit. Doch für Cibo ist Dunkelheit kein Schutz, sondern Gefahr. Nachts will er keinen Nazis über den Weg laufen. Und verstecken will er sich sowieso nicht.

Juristisch gesehen bewegt er sich in einer Grauzone. In Italien verbietet das “Gesetz Mancino” Slogans und Symbole, die faschistischer oder rassistischer Natur sind. Indem Cibo solche Slogans und Symbole übersprüht, handelt er im Sinne dieses Gesetzes. Andersrum macht er sich der Sachbeschädigung schuldig, wenn er ohne Erlaubnis öffentliche oder private Flächen bemalt. Diese Abwägung soll später am Tag auch noch die Polizei beschäftigen.

Die “schwarze Stadt”

Verona Cibo hat sich jetzt vier Kelten- und Hakenkreuze am Pfeiler einer Unterführung vorgenommen. Als Erstes fotografiert er die Schmierereien, so kann er später beweisen, dass er nicht ohne Grund gesprüht hat. Er stellt ein gelbes Schild auf, das vor frischer Farbe warnt. Dann legt er los, sprüht erst grobe Formen, füllt die Flächen, zieht Konturen nach, er verliert keine Zeit, unterbricht nur, um die Gopro umzustellen, die ihn bei der Arbeit filmt. Keine 15 Minuten später setzt er mit runden, flüssigen Bewegungen seinen Namen neben vier bunte Cupcakes. “70 Prozent meiner Instagram-Follower sind Frauen”, sagt er, “die mögen süße Sachen.”

Weitere 20 Minuten danach hat er an der Mauer eines Parkplatzes den Schriftzug “Antifa Sack Pisse” und ein Hakenkreuz mit Würsten überdeckt. Immer, wenn er fertig ist, lässt er die Sprühdose einige Salti schlagen und freut sich mit kindischem Lachen darüber, wie er wieder ein paar Rechte geärgert hat. Cibo ist Linker, aber er hat verstanden, wie er die Mitte erreicht. “Street-Art auf dem Land ist schwierig”, sagt er, aber das Essensmotiv sei für alle zugänglich. Essen ist der Stolz der Italiener, es ist emotional, und eine Wurst oder Pizza erkennt man auch im Vorbeifahren. Die Leute schätzen, dass er Hass und Hässlichkeit in etwas Schönes für die Gemeinde verwandelt. Auf Instagram funktionierten die bunten Speisen selbstredend.

Man kann schon sagen, dass sich Cibo auch klug vermarktet. Aber es wirkt ehrlich, wenn er erzählt, dass er das so nicht geplant hatte. Er stamme aus einem unpolitischen Haushalt, gemalt habe er schon früh, als erstes auf die Wände seines Kinderzimmers. Später hat er ein Kunstgymnasium besucht und Industriedesign studiert.

Als Jugendlicher war er in der Punkszene unterwegs und kam darüber zum Sprayen. 2008 wurde einer seiner Freunde in Verona von Rechten zusammengeschlagen, 72 Stunden später starb er an einer Gehirnblutung. “Da verstand ich: Ich bin allein”, sagt Cibo. Sein Widerstand begann.

Um zu verstehen, wie viel Mut diese Entscheidung erfordert, muss man sich das Umfeld ansehen: Von italienischen Linken in Anlehnung an die Farbe der Faschisten auch “schwarze Stadt” genannt, war Verona eines der Verwaltungszentren der Italienischen Sozialrepublik, ein faschistischer Satellitenstaat der Deutschen unter Führung Mussolinis. Dieser Geist weht bis heute durch die Straßen.

Im Fußball etwa. 1996 erhängten Ultras des Fußballvereins Hellas Verona im Stadion eine schwarze Puppe, um gegen die Verpflichtung eines dunkelhäutigen Spielers zu protestieren. 2014 wurden bei einem ihrer Sommerfeste Autos in Hakenkreuz­formation geparkt. Oder in der Politik. Flavio Tosi, Veronas Bürgermeister von 2007 bis 2017, trat mit einer Wahlliste an, auf der ein Vertreter der örtlichen Skinhead-Szene und ehemaliges Mitglied einer Nazi-Band stand. 2017 übernahm Federico Sboarina das Amt, er führt eine Koalition aus rechten Parteien und Listen. Seinen Wahlsieg feierte er in einem T-Shirt der Marke “Old School Verona”, die bei radikal-rechten Ultras beliebt ist.

Dazu hat vor Kurzem der aus Verona stammende italienische Familienminister Lorenzo Fontana vorgeschlagen, das “Gesetz Mancino” gegen faschistische Symbole abzuschaffen. Globalisten würden es ausnutzen, um ihren anti-italienischen Rassismus als Antifaschismus zu tarnen. Innenminister Matteo Salvini erklärte sich einverstanden.

“In Sachen Arschlöcher spielt Verona in der Major League”, sagt Cibo, und seit die neue Regierung im Amt ist, spüre er deutlich, dass sich die Rechten im Aufwind fühlen. Cibos Kunstwerke wurden von Anfang an übermalt. Er wurde mehrfach mit dem Tod bedroht. Zuletzt wurden im Dezember der Zaun und das Klingelschild seiner Eltern mit Farbe beschmiert, im Briefkasten lag ein Drohbrief. Da wurde es Cibo zu viel, er tauchte für einen Monat nach Thailand ab. “Woanders als in Verona könnte ich meine Arbeit nicht so erfolgreich machen”, sagt er heute. Es ist ein Scherz, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Für das große Werk des Tages hat er sich ein etwa sechs Meter breites, drei Meter hohes Eisentor an einer Straße am Bahnhof vorgenommen. “White Pride” steht darauf, Hakenkreuze, eine Wolfsangel. Perfekter Untergrund für Würstel mit Kraut.

Wieder zieht er mit fließenden Bewegungen die ersten Linien auf das Tor. Er wird gut eine Stunde beschäftigt sein und dabei nicht unbemerkt bleiben. Schon nach wenigen Minuten stoppt eine junge, blonde Frau bei ihm, fragt, was hier vor sich gehe, macht ein Foto, zieht weiter. Ein Auto hält an, eine junge, dunkelhaarige Frau ruft durch das offene Fenster: “Bist du Cibo? Bravo!” Ein Vater und sein Sohn steigen vom Fahrrad, sehen lange zu. Der Junge sagt, er wolle auch einmal Sprayer werden. Cibo blickt jedem Passanten gleich in die Augen, grüßt offensiv, auch um einschätzen zu können, wen er vor sich hat. Für Interessierte nimmt er sich Zeit, erklärt, was er macht, oder verschenkt einen seiner Buttons, die auf seinem Strohhut stecken. Tagsüber, so scheint es, hat die Gemeinde ihren auffälligsten Straßenkünstler schätzen gelernt.

So weit würde Attilio Gastaldello, Bürgermeister in Cibos Heimatgemeinde San Giovanni Lupatoto, nicht gehen. Wir haben ihm einige Fragen geschickt: Wie beurteilt er die Arbeit von Cibo, wie bewertet er das Problem rechter Schmierereien in seiner Gemeinde? Er ruft an und sagt, er wolle die Fragen nicht beantworten, spricht dann aber doch gut 40 Minuten. Man solle die Gemeinde bitte nicht auf das eine Thema reduzieren. Es sei auch so viel Gutes zu berichten, sagt er, die tollen neuen Radwege zum Beispiel oder die vielen Vereine. Hakenkreuze gebe es keine, und wenn doch mal eines auftaucht, würde die Gemeinde es sofort entfernen. Zudem, so würden böse Zungen behaupten, könnte es doch sein, dass Cibo selbst die Hakenkreuze sprühe, damit er Arbeit habe. Er selbst behaupte dies natürlich nicht.

Angesprochen auf diese Aussage, muss Cibo erst laut lachen, dann sagt er: “Sie haben meinen Freund umgebracht. Und ein Mensch von Kultur ist gar nicht in der Lage, eine Swastika zu zeichnen. Wo sind seine Beweise?” Er könne sich vorstellen, den Bürgermeister wegen Verleumdung anzuzeigen.

Nach etwa einer Stunde Arbeit am Eisentor ist Cibos Werk fertig: fünf Würste auf gelbem Kraut,  gewürzt mit Wacholder und Lorbeer.

Sekunden, nachdem er seinen Namen gesprüht hat, fährt ein Polizeiauto vorbei. “Gehen wir”, sagt Cibo, packt seine Sachen und läuft zum Auto. “Drehen sie um?” Sie drehen um.

Carabinieri mit Sonnenbrillen steigen aus, sammeln unsere Ausweise ein, Personenkontrolle. Nach einigen Minuten rufen sie Cibo auf.

Ob er denn eine Autorisierung habe, hier zu sprühen, fragt einer der Beamten. “Ich bin autorisiert auf einer professionellen und bürgerlichen Ebene. 2019 dürfte es keine Hakenkreuze geben”, entgegnet Cibo, er wirkt geübt.

Ob er denn wisse, dass die Gemeinde dafür zuständig sei? “Ja, aber die Gemeinde kann nicht überall tätig werden. Und hier gehen doch so viele Kinder vorbei!”

Später wird er sagen, dass er einige Schlagworte habe, die gut funktionierten: Kinder; Gemeinde; Legalität.

Er verstehe ja seine künstlerische Ader, sagt der Polizist, aber die Gemeinde würde weißeln. Das, was er tut, sei Verunstaltung, auch wenn man es schön finden könne. Gern könne er zeigen, wie das Tor  vorher ausgesehen hat, sagt Cibo. Und weil er nichts zu verbergen habe, sprühe er auch immer tagsüber. Er sei also ein Serientäter, fragt der Carabiniere und kann dabei ein Schmunzeln nicht verbergen. Er weist Cibo darauf hin, dass auch sie ihn anzeigen könnten, nicht nur der Besitzer des Tores – wenn sie wollten. Großes Interesse an Strafverfolgung strahlen sie jetzt aber nicht mehr aus.

Cibo bedankt sich für den Hinweis. Dann packt er seine Sachen und fährt weiter zu seinem nächsten Projekt.

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Ja, ich war’s. Und ich würd’s wieder tun.

Die Aktivistin Julia Pie ist für einen Tortenwurf auf Beatrix von Storch ins Gefängnis gegangen – freiwillig, aus Protest. Wie war’s? Und hat es sich gelohnt?

Text: Johannes Mitterer, erschienen in: NEON 05/2018

Julia Pie hat sich gut vorbereitet, aber an ihrem vorerst letzten Tag in Freiheit kommt dann doch die Nervosität. Der Rollkoffer, gepackt mit “Harry Potter”-Büchern, einem Ratgeber namens “Wege durch den Knast”, Wärmflasche und Malsachen, gibt ihr gerade keinen Halt mehr. Weit weg wirken die Ratschläge ihrer gefängniserfahrenen Freundinnen: “Führ nicht zu viele Kleinkriege um Klopapier oder Seife.” “Nimm unbedingt ein Radio mit.” Als Julia Pie die Betonmauern der JVA Lübeck sieht, auf denen sich der Stacheldraht emporhebt, wippt sie von einem Wanderstiefel auf den anderen und sagt: “Das hat jetzt doch etwas Bedrohliches.”

Julia Pie, den Künstlernamen hat sie sich selbst gegeben, ist 23, politische Aktivistin und Informatikstudentin. Sie trägt Nasenpiercing, Mütze und Daunenjacke, aus ihren Schuhen schauen die Wollsocken, und dass sie gleich für 14 Tage ins Gefängnis geht, hat sie sich irgendwie selbst ausgesucht. Weil sie eine Torte auf die AfD-Politikerin Beatrix von Storch geworfen hat, zu 150 Euro Geldstrafe verurteilt wurde und sich weigerte, zu bezahlen.

Zwei Wochen Knast, aus Prinzip. Es sind dieselben Prinzipien, wegen denen sie gegen Atomkraft und gegen Nazis kämpft und jetzt auch gegen Gefängnisse, das ist ihr neues Projekt. Julia Pie möchte “die Welt verändern”. Sie lächelt, als sie das sagt, weil sie weiß, wie naiv es für die meisten klingt. Sie aber findet: “Man kann doch nicht über all die Probleme dieser Welt Bescheid wissen und nichts dagegen unternehmen.”

Julia Pie meint das ernst: die Welt verändern. Bloß: Wo fängt man an? Welche Mittel sind im politischen Aktivismus nötig, welche zulässig? Und wie weit muss man gehen?

KNASTTAGEBUCH, TAG 1 – CHECK-IN

“Ich bekomme Zelle 213, eine Einzelzelle, weil ich Nichtraucherin bin. Sie hat den Charme einer billigen Jugendherberge. Hellgelbe Wände, blau karierte Bettwäsche, an der Wand sind Holzmöbel befestigt. Hygieneartikel liegen auch bereit. Fehlt nur noch die Begrüßungsschokolade auf dem Kopfkissen. Als die Zellentür hinter mir zufällt, fällt einiges an Anspannung von mir ab.”

Betrachtet man die Straftat, die Julia Pie begangen hat, fragt man sich, ob es dazu kommen musste: zu zwei Wochen Gefängnis. Es ist Ende November 2016, als die Aktivistin von einer geplanten AfD-Wahlveranstaltung in ihrer Heimatstadt Kiel erfährt. Sie erinnert sich an Aussagen Beatrix von Storchs, dass man an der Grenze notfalls doch auch auf Frauen und Kinder schießen solle. Sie ärgert sich. In der Stadt sieht sie Bilder einer kuchenverschmierten Beatrix von Storch, die die Antifa Kiel verbreitet hat. Einige Monate zuvor hatte ein Mann im Clownkostüm die Politikerin mit einer Torte beworfen.

Also geht sie spontan in den Supermarkt und besorgt sich einen Billigtortenboden. Am nächsten Tag bestreicht sie diesen mit Rasierschaum, weil der besser klebt und weniger gut schmeckt als Sahne, packt ihn in einen Korb, zieht sich ein Hemd an und spaziert vorbei an Demonstranten und Polizei direkt vor das Kieler AfD-Büro. “Ich habe mich dort als interessierte Jungwählerin ausgegeben, die noch nicht sicher ist, wie sie zur AfD steht”, wird sie später erzählen, und in ihrer Stimme wird die Empörung über die Partei einer diebischen Freude über ihren Tortenstreich weichen.

Ob sie denn auch in den Saal dürfe, habe sie den Türsteher gefragt. Nur, wenn in ihrem Korb keine Torte sei. Blöd, so Julia Pie, da sei ja eine Torte drin. Er lässt sie trotzdem rein.

Als Beatrix von Storch zu ihrer Rede ansetzt, schleudert Julia Pie ihre Torte in Richtung Bühne. Ein Securitymann greift ihr im letzten Moment an den Wurfarm, sie verfehlt knapp ihr Ziel. Nur ein paar Schaumkleckse landen auf von Storchs Jackett. Julia Pie wird festgehalten, der Polizei übergeben und in Handschellen abgeführt.

KNASTTAGEBUCH, TAG 2 – DIE NACHT

“Ich schlafe unruhig, immer wieder werde ich davon geweckt, dass im Flur mit laut rasselnden Schlüsseln Türen auf- und zugeschlossen werden. Später beim Hofgang komme ich mit meinen Mithäftlingen ins Gespräch. Eine erzählt mir, dass es hier vor ein paar Jahren mal einen Ausbruch gegeben habe. Danach sei die Mauer um ein bis zwei Meter erhöht worden.”

Im Laufe der Geschichte wurden schon viele Objekte auf Politiker geworfen, die Torte zählt zu den harmloseren. Der Belgier Noël Godin hat insgesamt schon über 150 Personen getortet und so den Tortenwurf zur Kunstform erhoben. Eine Torte ist kein Stein, der den anderen schwer verletzen kann. Sie ist kein Schuh, an dessen harter Sohle der Dreck des Bodens klebt, ein Symbol der Verachtung. Sie ist auch kein Ei, dessen gelbglasiger Glibber sich an Haut, Haare und Sakkos klebt und eklige Fäden zieht. Eine Torte ist ein Clownwerkzeug und, sofern fachmännisch aufgetaut, weich und cremig. Sie demütigt, ohne zu verletzen. Und sie macht lächerlich.

Spannend ist, wie unterschiedlich die Opfer mit dieser Lächerlichkeit umgehen. Manche versuchen, Bilder zu verhindern. Als Sahra Wagenknecht von einer Schokotorte getroffen wurde, schirmten ihre Parteikollegen sie eilig mit einem gestreiften Pullover ab, allerdings vergeblich. Andere bemühen sich, mit Gesten der Coolness wieder Herren der Lage zu werden. Karl-Theodor zu Guttenberg etwa, von Netzaktivisten mit einer Schwarzwälder Kirschtorte attackiert, leckte sich die Finger und schrieb im Nachhinein auf Facebook: “Hurra, eine Tortenattacke! Beim nächsten Mal dann gerne Käsesahne!” Ein Bild des Vorfalls teilte er aber nicht.

Die AfD dagegen hat offenbar kein Problem mit solchen Bildern, im Gegenteil. Beatrix von Storch nutzte die erste Tortenattacke, um sich offensiv zum Opfer zu stilisieren. Sie ließ sich von einem Kollegen fotografieren und stellte die Aufnahme auf ihre Facebook-Seite. Dass sie darauf aussieht wie ein in Schlagsahne getauchter Cockerspaniel, schien ihr gerade recht zu sein. Ihre Gegner bedankten sich für das Foto und verbreiteten es schadenfreudig im Netz. Die Reaktionen ihrer Anhänger aber zeigen, dass von Storch das Spiel mit den Emotionen im Netz selbst ebenso versteht. Sie postete zusätzlich ein Foto des Angreifers und dessen Namen, wenig später standen Geburtstag, Adresse und Telefonnummer des Tortenwerfers im Netz, er wurde bedroht.

Auch ein Tortenwurf ist ein Gewaltakt, selbst wenn er keine körperlichen Verletzungen verursacht. Er kann für den Getroffenen eine traumatische Erfahrung bedeuten, einen Schock. Trotzdem wirkt so ein Wurf ziemlich harmlos im Vergleich zu dem Hass, den er beim Publikum oftmals auslöst.

Julia Pie hat die Reaktionen auf Tortenwürfe beobachtet. “Das ist doch krass. Man wirft eine Torte und bekommt dafür Morddrohungen.” Eine Torte ist in ihren Augen keine Gewalt. “Gewalt ist, an der Grenze auf Flüchtlinge zu schießen.” Julia Pie sieht eine klare Verbindung zwischen Beatrix von Storch und brennenden Flüchtlingsheimen. Und so ist es für sie auch moralisch vertretbar, eine Torte auf sie zu werfen. “Ich will, dass man die AfD als Problem ernst nimmt, nicht als Partei”, sagt sie.

KNASTTAGEBUCH, TAG 4 – ALLTAG

“Langsam bekomme ich eine gewisse Routine. Ich werde jeden Morgen vom Schlüsselrasseln geweckt. Ich weiß, wann die Mahlzeiten sind (6.45, 11.45, 17.30) und bis wann ich Anträge und Briefe abgeben muss. Außerdem erhalte ich den zweiten Schwung Post. So langsam ist meine Pinnwand voll mit Postkarten. Beigelegte Fotos oder Zeitungsartikel werden mir aber weggenommen.”

Das Medienecho auf Julia Pies Tortenwurf ist verhalten, nur einige Szeneblätter greifen den Vorfall auf. Der Grund ist simpel: Julia Pie hatte keinen Kameramann dabei. Beatrix von Storch postet zwar einige Fotos der Veranstaltung auf ihrer Facebook-Seite, darunter auch ein Bild des tortenverschmierten Fußbodens, dazu schreibt sie: “Wieder eine Torte. Wieder der Versuch, uns mundtot zu machen.” Aber auch ihr fehlt ein knackiges Motiv.

Erst als die AfD Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch und Körperverletzung stellt, beginnt der Trubel um Julia Pie. Sie bringt einen dicken Ordner in den Gerichtssaal, zieht das Verfahren mit immer neuen Beweisanträgen in die Länge und liest unter anderem Texte über die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen 1992 vor. Der Gerichtssaal ist voll, ein gutes Dutzend Medien berichten über den Prozess, teilweise auch genervt. Das “Hamburger Abendblatt” etwa bezeichnet den Prozess als “Farce”, Julia Pie ziehe mit ihrem Verhalten das Gericht ins Lächerliche.

KNASTTAGEBUCH, TAG 5 – GESPRÄCH

“Um einen Einblick in alle Bereiche des Gefängnisses zu bekommen, besuche ich auch die Psychologin. Wir sprechen über meine Langeweile im Knast und mein Studium, am Ende sagt sie mit grimmiger Miene: ‘Die Frauen hier brauchen kein Blog (sie meint mein Knasttagebuch), sie brauchen Hilfe. Sie sind naiv und haben nicht das erlebt, was die Frauen hier durchgemacht haben. Für Sie ist Gefängnis ein Verlust Ihrer Freiheit, für viele andere Frauen ist es eine Entlastung.’ Aber ist es nicht ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, wenn Menschen erst eingesperrt werden müssen, um Hilfe zu erhalten eine Unterkunft, regelmäßiges Essen, medizinische Versorgung? Insofern interessiert es mich wenig, was die Frauen hier getan haben niemand gehört in den Knast.”

Von den Anschuldigungen bleibt am Ende wenig übrig. Da von Storch nicht verletzt und Julia Pie wissentlich mit Torte in den Raum gelassen wurde, geht es am Ende nur noch um Beleidigung, weil der Tortenwurf eine “symbolische Missachtung ihrer Person darstellte”. Sie wird zu 150 Euro Geldstrafe verurteilt und beschließt stattdessen ins Gefängnis zu gehen. Als Zeichen gegen die AfD und für ihr neues Projekt: Gefängnisse seien von Grund auf falsch, auch diese Botschaft will Julia Pie verbreiten. Woher kommt dieser Drang zu radikalen Veränderungen?

Zwei Wochen nach ihrer Haftentlassung sitzt Julia Pie in einem Café in der Nähe ihrer Uni in Kiel und überlegt. “Ich glaube, meine politische Prägung habe ich von meinem Großvater”, sagt sie, einem Alt-68er, der bis heute bei den Grünen aktiv ist. Sie erzählt von politischen Gesprächen beim Abendbrot und Wahlplakaten in der Garage. An ihre erste Demo erinnert sie sich gut. “Das war 2012”, sagt sie, den Ausflug beschreibt sie wie ein Abenteuer: um drei Uhr aufstehen, mit der Grünen Jugend nach Dresden fahren, einen Nazi-Umzug blockieren. “Damals habe ich mich noch im Hintergrund gehalten.”

Kurze Zeit später drängte sie nach vorn: Im Oktober 2013 blockierte sie mit rund 30 anderen Aktivisten eine Fabrik für Brennelemente für Atomkraftwerke im Emsland. Im Dunkeln schlichen sie durchs Gebüsch, setzten sich in die Einfahrt, kletterten auf Bäume. “Das war meine erste kleine Blockade”, sagt sie, wieder war es aufregend, zugleich spürte sie die Macht, etwas verändern zu können. Sie spricht jetzt schneller, begeistert, erzählt von Workshops, an denen sie vorher teilgenommen hatte, zum Beispiel zum “Bewegen im Dunkeln”. Die Polizei räumte die Blockade und nahm die Aktivisten mit auf die Wache. Es folgte Julia Pies erstes Verfahren wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt.

Es sind diese zwei Protesterfahrungen, die ihr den fundamentalen Unterschied zwischen Parteiarbeit und politischem Aktivismus zeigten. In Parteien, das kennt sie aus ihrer Zeit bei der Grünen Jugend, wird sich versammelt und diskutiert, es braucht lange Auseinandersetzungen, um am Ende zu sagen: Wir fordern. Bei politischen Aktionen dagegen sind die Wege kürzer, die Gruppen kleiner, die Prozesse schlanker; und anstatt zu fordern, heißt es am Ende: Wir machen. “Ich habe gelernt, dass auch wenige Menschen etwas erreichen können”, sagt Julia Pie.

Mit der Zeit lernte sie, dass heute vor allem derjenige Gehör findet, der laut ist, bildstark, pointiert. Wer in den Fluten aus Trump-Tweets und Katzenbildern an der Oberfläche schwimmen will, muss ziemlich strampeln.

KNASTTAGEBUCH, TAG 6 – CHOR

“Über eine Durchsage erfahre ich, dass ein Chor stattfindet. Es geht los mit Stimmaufwärmübungen. Die Gesangslehrerin hat ein Keyboard dabei, spielt etwas vor und lässt uns nachsingen. Schneller, als mir lieb ist, ist die Stunde schon rum. Zum ersten Mal finde ich es schade, dass ich in einer Woche wieder draußen sein werde. Direkt danach verwerfe ich den Gedanken angewidert wieder und ärgere mich, dass ich mich mit Chorunterricht einlullen lasse.”

Wer mit Julia Pie durch Kiel läuft, bekommt eine etwas andere Stadtführung. “An diesem Gebäude hing ich schon mal, um ein Banner gegen Atomtransporte aufzuhängen”, sagt sie am Hauptbahnhof. An einem Platz: “Auf diesen Baum bin ich schon mal bei einer politischen Aktion geklettert.” Auf einer Grünfläche vor der Sparkasse: “Auf dieser Wiese habe ich schon mal gewohnt, als hier das Occupy-Camp war.” Hinter einem Supermarkt: “Aus diesem Container nehme ich mein Essen.” Wenig später, ein unscheinbarer Veranstaltungsraum in einer Seitenstraße. Innen kleben Flyer mit dem Spruch “Mut zu Deutschland”, außen an den blass-grün eingefassten Fenstern hängen Zettel, auf denen steht: “FCK AFD” . “Das ist es”, sagt Julia Pie, das AfD-Büro in Kiel.

Man könnte sagen, Julia Pie ist bereit, viel für ihre Ziele zu opfern, sogar ihre Freiheit. Oder man könnte sagen, Julia Pie schafft es sogar dann, wenn der Rechtsstaat ihr mit seiner härtesten Maßnahme droht, dem Freiheitsentzug, selbst über ihr Schicksal zu bestimmen. Die Frage ist nicht, wie weit man geht, sondern, wie man diesen Weg beschreitet. Es klingt kindlich, wenn sie grinsend von ihren Aktionen erzählt, vom Anschleichen im Dunkeln, vom Klettern, vom Schauspielern. Es ist ein Spaß, manchmal ein Streich. Wenn sie aber das Gefühl beschreibt, das solche Aktionen in ihr auslösen, klingt sie sofort ernst. “Mir geht es darum, handlungsfähig zu sein”, sagt sie. Probleme selbst anzupacken, nicht darauf zu warten, dass jemand anders sie löst, und vor allem, sich den Hierarchien nicht zu ergeben. Deshalb studiert sie Informatik, weil sie die Herrschaftsinstrumente der modernen Zeit verstehen und sich gegen sie wappnen möchte. Deshalb geht sie ins Gefängnis und nutzt es als Bühne.

Als sie Anfang Februar in Lübeck ihre Strafe antritt, sind unter anderem Reporter der DPA vor Ort, RTL filmt in ihren Koffer. Bilder, wie Julia Pie vor dem Gefängnis eine Torte aus Bauschaum auf ein Foto von Beatrix von Storch schleudert, laufen später in den Nachrichten. Julia Pie spricht darüber, dass sich gesellschaftliche Probleme aus ihrer Sicht nicht durch Strafen und Gefängnisse lösen lassen. Dann rollt sie ihren Koffer durch das Eisentor der JVA und verschwindet. Im Gefängnis führt sie Tagebuch, ihre Texte schickt sie per Post an ihre Unterstützer, die diese auf einem Blog veröffentlichen.

TAG 10 – OFFENER VOLLZUG

“Ich werde in den offenen Vollzug versetzt, weil meine Flucht- und Missbrauchsgefahr (Drogen, Gewalt) gering genug sei. Ebenso die Wiederholungsgefahr: Ich hätte zwar angekündigt, weiter mit Torten zu werfen, aber die Abteilungsleiterin glaubt nicht, dass ich das im Knast tun werde. Die Vorteile: Die Gitterstäbe vor den Fenstern fehlen, ich kann jederzeit an die frische Luft und dürfte sogar ein Handy besitzen. Statt vom Schlüsselrasseln werde ich nun von zwitschernden Vögeln geweckt. Ich frühstücke gemeinsam mit anderen Gefangenen in der Küche, am Vormittag packen wir die Liegestühle aus und breiten uns im Garten hinterm Haus aus. Aber gerade deswegen ist offener Vollzug so ekelhaft: weil man ihm kaum anmerkt, dass es sich immer noch um Knast handelt. Kontrolle und Überwachung sind immer noch da.”

Am Ende des politischen Spaziergangs durch die Stadt sitzt Julia Pie in einer Kneipe und sagt: “Ich bin froh, dass ich wieder draußen bin.” Es sei eine Erleichterung gewesen, zu wissen, dass sie jeden Tag hätte abbrechen können, indem sie die Geldstrafe bezahlt. “Aber es war gut, dass ich diese Erfahrung gemacht habe, anstatt die Diskussion über Gefängnisse nur theoretisch zu führen”. Ein Fazit wie nach einem Praktikum.

Ihre Antworten haben oft etwas Sperriges, manchmal Vorgestanztes. Weil sie Persönliches abblockt und lange überlegt, bevor sie politische Aussagen macht, abwägt, ob sie falsch verstanden werden könnte. Die Aufmerksamkeit der vergangenen Monate ist ihr eher unangenehm. “

Mir macht es keinen Spaß, mein Gesicht in die Kamera zu halten”, sagt sie. Sie tue das nur, um politische Inhalte zu vermitteln. Man glaubt ihr, dass es ihr nicht darum geht, bekannt zu werden. Wer gegen zunehmende Überwachung protestiert auch das ist eines ihrer Themen, kann schlecht sein Privatleben in den Medien ausbreiten.

Es ist ein grundlegendes Misstrauen gegenüber dem System, seinen übermächtigen Institutionen und Hierarchien, das ihren Aktionen zugrunde liegt. Gegenüber der Politik, weil sie nicht glaubt, dass sie die Probleme der Menschen anpackt. Gegenüber Polizei und Justiz, den ständigen Gegenspielern bei ihren politischen Aktionen. Gegenüber den Medien.

Wie stellt sich Julia Pie ihre Zukunft vor? “Mein Ziel ist es, lebenslang politische Aktivistin zu sein”, sagt sie. Sie könne sich vorstellen, ein paar Stunden die Woche einen normalen Job anzunehmen, solange dieser ethisch vertretbar sei. Den Rest ihrer Zeit würde sie mit politischer Arbeit verbringen, aber niemals für Geld. “Geld verändert Menschen”, sagt sie. Notfalls würde sie auch wieder eine Torte werfen. Das Geld für einen Billigboden und eine Flasche Rasierschaum wird sie schon irgendwie zusammenbekommen.

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