Halbgötter in Weiß? – Wir doch nicht!

Constance Neuhann-Lorenz, Bruno Reichart, Erich Rembeck: Drei Spitzen-Mediziner im AZ-Interview – mit überraschenden Einblicken ins Schmerzempfinden von Eishockey-Spielern, ärztliches Ethos und die Nöte der Promis bei Schönheits-Operationen.

Interview: Johannes Mitterer, Max Sprick | erschienen in: Abendzeitung, 21.03.2014

München Die Plastische Chirurgin Dr. Constance Neuhann-Lorenz, der Herzchirurg Prof. Bruno Reichart und der Orthopädische Chirurg Dr. Erich Rembeck gehören zu den besten Ärzten Münchens. Zu ihrem Kundenstamm zählen auch viele Prominente. Ein Dreier-Interview über prominente Patienten, medialen Druck und Operationen ohne Betäubung.

AZ: Herr Rembeck, Boris Becker, der ja gerade eine beidseitige Hüft-OP hatte, hat gesagt, wenn ihm etwas fehlt, ruft er als Erstes bei Ihnen an. Wie oft meldet er sich denn?

ERICH REMBECK: Jede Woche. Wir kennen uns seit vielen Jahren. Ich bin nicht mehr nur sein orthopädischer Betreuer, sondern auch ein bisschen sein Hausarzt.

AZ: Halten sich Promis wie Becker, die in ihrem Alltag viel im Mittelpunkt stehen, beim Arzt für wichtiger als normale Patienten?

CONSTANCE NEUHANN-LORENZ: In der plastischen Chirurgie sind sie oft sogar erstaunlich schüchtern. Unangenehme Patienten sind die Ausnahme.

BRUNO REICHART: Mir ist das gar nicht immer so bewusst gewesen, wen ich da operiere. Das Wichtigste war den meisten, alleine zu liegen. Es kam aber auch mal vor, dass jemand seinen eigenen Koch mitgebracht hat. Das kann ich nachvollziehen, das Essen im Krankenhaus ist ja kein Sterne-Essen.

AZ: Herr Rembeck, Sie betreuen Eishockeyspieler, Fußballer, Tennisspieler. Wer ist denn von denen am sensibelsten?

Eishockeyspieler sind mit Sicherheit am schmerzunempfindlichsten. Innerhalb von einer Minute nähe ich dort ohne Betäubung große Wunden, die ich bei anderen großzügig steril abdecken würde.

NEUHANN-LORENZ: Warum eigentlich ohne Betäubung?

REMBECK: Weil’s Zeit kostet.

REICHART: Das wollt’ ich auch fragen, aber ich hab’ mich nicht getraut (lacht).

REMBECK: In 60 Sekunden Wechselzeit muss alles fertig sein, da hältst du dich nicht mit örtlicher Betäubung auf.

REICHART: In den USA hat sich einmal ein Patient bei meinem Chef beschwert, ich hätte ihm ohne Betäubung irgendwas zusammen genäht. Der hat aber an einem Durchgangssyndrom gelitten und sich das nur eingebildet. Ich kann mich nicht erinnern, jemals jemanden nicht betäubt zu haben.

AZ: Frau Neuhann-Lorenz, Sie operieren mit Ihrem Hilfsprojekt auch viele Patienten in sehr armen Ländern. Haben Sie dort immer die Möglichkeit, zu betäuben?

Ich hab noch nie einen Grund sehen können, irgendetwas nicht zu betäuben, wenn auch nur mit Eis.

Fällt Ihnen dieser Spagat zwischen Münchner Promis und Brand- und Säureopfern in Indien oder Bangladesch leicht?

NEUHANN-LORENZ: Meine Einsätze sind immer wieder ein Kulturschock. Ich habe schon viel gesehen, oft ist mir der Atem stehen geblieben. Aber ich habe auch hier in München bei meinen prominenten Patienten das Gefühl, dass sie unter den Problemen leiden, mit denen sie zu mir kommen.

AZ: Rufen Promis persönlich beim Arzt an oder macht das ein Assistent?

REMBECK: Die Medizin ist immer ein 1:1-Umgang, da haben Assistenten eigentlich nichts zu suchen. Mich hat noch nie ein Assistent von irgendwem angerufen.

NEUHANN-LORENZ: Bei mir melden sich die Leute auch eher direkt, weil eine gewisse Scheu besteht, sich zu den Eingriffen, die ich mache, zu bekennen. Mein Personal weiß, dass meine Patienten von niemandem gesehen werden wollen.

AZ: Herr Reichart, Sie haben Johannes von Thurn und Taxis operiert. Danach wurde Ihnen vorgeworfen, Sie hätten ihm bevorzugt ein Herz beschafft. Steigt der öffentliche Druck auf einen Arzt, wenn er Prominente behandelt?

Ein bekannter Mensch hat die gleichen Rechte wie jemand, der nicht so bekannt ist. Es wird uns vorgeworfen, wir hätten damals nach Gutsherrenart die Organe vergeben, das war nicht so. Wir haben uns nicht wie Halbgötter in Weiß aufgeführt.

AZ: Aber haben Sie diese Vorwürfe im Nachhinein abgeschreckt? Haben Sie überlegt, in Zukunft die Finger von derart berühmten Patienten zu lassen?

REICHART: Nein, überhaupt nicht. Man darf sich nur nicht unterkriegen lassen.

REMBECK: Aber der Druck ist schon ein anderer, wenn du mit bekannteren Leuten zu tun hast. Bei mir geht es zwar nicht um Leben und Tod, trotzdem stehe ich genau unter Beobachtung, weil täglich sehr viel darüber geschrieben wird. Ich habe das immer als relativ belastend empfunden.

NEUHANN-LORENZ: Das kann ich nachvollziehen. Bei mir ist es enorm wichtig, dass man NICHT sieht, dass die Leute operiert wurden. Das ist schon sehr tricky und ich darf mich auf keinen Fall verplappern, also irgendwelche Namen in den Mund nehmen oder auch nur wissend dreinschauen.

AZ: Aber das ist im Alltag doch schwierig. Jeder kann vor Ihrer Praxis auf prominente Besucher warten.

NEUHANN-LORENZ: Natürlich, wenn jemand vor der Tür lauert, kann man das nicht verhindern. Wir versuchen die Termine so zu legen, dass wir die Promis an anderen Patienten vorbeischleusen können.

REMBECK: Meine Sportler hingegen werden oft sogar sehr gerne gesehen, weil sie eine Begründung für schlechte Leistungen kriegen.

AZ: Besteht auch gegenüber dem Patienten ein höherer Druck, wenn die Karriere vom Erfolg eines Eingriffs abhängt?

REMBECK: Nein, bei den Operationen geht es immer um den speziellen Fall und das medizinische Problem und nicht darum, dass ich jetzt eine Karriere ruinieren könnte.

NEUHANN-LORENZ: Angst haben eher die Patienten, die wissen, dass ihr Beruf auf dem Spiel steht. Vor allem Schauspieler fürchten sich wahnsinnig vor einem plastisch-chirurgischen Eingriff im Gesicht. Das ist ihr Kapital, davon leben sie. Auch Politiker sind sehr vorsichtig, weil sie auf keinen Fall negativ auffallen wollen.

AZ: Herr Rembeck, Sie haben ein Fitnessprogramm im bayerischen Landtag betreut, kürzlich hatten Sie den russischen Außenminister Sergei Lawrow in Behandlung. Ist Lawrow fitter als seine bayerischen Kollegen?

Ich glaube, ja. Das muss man lapidar zugeben.

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Der Knödel ist rund

Was haben Lukas Podolski, Jens Nowotny und Kevin Großkreutz gemeinsam? Gastronomie! In ganz Deutschland gibt es Restaurants, die von Fußballern betrieben werden. Unser Autor hat sie ausprobiert.

Text: Johannes Mitterer, erschienen in: Die Zeit #24/2018

Es begab sich am Anfang dieses Jahres, dass ein Prinz heim- kehrte und seinem Volk den Döner brachte. Die Bürger standen Schlange, stunden- lang; die Mädchen weinten, natürlich vor Glück; und Me- dien schickten ihre Reporter, um davon zu be- richten. Aus FAZ, Spiegel Online und Bild er- fuhr man, dass der Prinz eigenhändig Fleisch vom Spieß säbelte und Sätze sagte wie: »Ich mag den Döner. Ich esse Döner. Der Döner ist eine gute Sache.«

Als Prinz Poldi, bürgerlicher Name Lukas Podolski, am 6. Januar den Mangal Döner-Imbiss in der Kölner Südstadt eröffnete, gingen mir zwei Fragen durch den Kopf: Was hat Podolski mit Dönern zu tun? Und: Gibt es noch andere Fußballer, die Restaurants betreiben?

Es stellte sich heraus: Die gibt es, und gar nicht wenige. Es sind Stürmer darunter und Verteidiger, Spielgestalter und Spielzerstörer, Aktive und Ehemalige. Und weil inzwischen auch die WM in Russland näher rückte, samt Vorfreude, entschied ich mich, eine Deutsch- landreise zu diesen Restaurants anzutreten, die mich vom Norden in den Ruhrpott und das Rheinland führen würde, weiter nach Baden-Württemberg und zum Schluss nach Berlin. Ich wollte mit so vielen Kickern reden, wie ich konnte. Und ich wollte so viel von ihrem Essen essen, wie ich schaffte.

1. Station: Bremen

Samstagabend. Unweit des zentralen Omnibusbahnhofs liegt die Südtiroler Hütte, eingeklemmt zwischen Best-Western-Hotel und Shisha-Bar, ein hölzerner Fremdkörper zwischen zwei Steilwänden aus Glas und Beton. Ich saß an einem Tisch im Restaurant, suchte nach Hinweisen auf Nelson Valdez, der mit Werder Bremen 2004 Meisterschaft und Pokal gewann, fand aber keinen. Ich fand ja

nicht einmal Hinweise auf Bremen, denn nachdem ich die hölzerne Tür durchschritten, den Kachelofen passiert und den Gastraum betreten hatte, war ich mitten in der Bergwelt der Dolomiten angekommen. Im Radio liefen Staumeldungen für Tirol.

Ende 2014 hatte Valdez die Südtiroler Hütte eröffnet, die Bild-Zeitung berichtete, es hatte einen Jodelwettbewerb gegeben, leider nur ein- mal. »Man findet im Norden einfach keine gu- ten Jodler«, seufzte Fritz Rößler, Valdez’ Schwie- gervater und Geschäftspartner, der sich nun zu mir an den Tisch setzte. Rößler war mit etwas Verspätung direkt aus dem Weserstadion ge- kommen. Prügelei auf der Straße, Taxi im Stau, es tue ihm leid, sagte er und wickelte seinen Werder-Schal vom Hals. Schnell fiel mir auf, welch ruhige Höflichkeit dieser grauhaarige Mann mit der goldenen Brille ausstrahlte. »Nelson isst gerne das Kaiserschnitzel«, sagte er. »Aber vorher bringe ich die Knödel«, grätschte Restaurantleiter Matyas Insam, ein Ureinwohner des Grödnertals, in meine Bestellung. »Vielleicht drei Prozent unserer Gäste kommen wegen Nelson«, sagte Rößler. Dann begann er, der in seinem Leben schon zwei Sternerestaurants und die Gastronomie im Weserstadion geführt hatte, zu erzählen, wie sich das zugetragen hatte mit ihm, dem Fußballer, den Knödeln.

Seiner Frau Beata sei die Idee im Südtirol-Urlaub gekommen. Sie holten ihren Schwie- gersohn mit ins Boot. Auch, wie Rößler sagte, um dem weit gereisten Kicker – er spielte schon in Spanien, Griechenland, Russland und Abu Dhabi – einen Anker in Bremen zu geben. Valdez ist allerdings maximal zweimal im Jahr hier, weil er inzwischen in Paraguay spielt und dort jetzt auch eine Hühnerfarm eröffnet hat.

Die Knödel kamen, einmal mit Käse, einmal mit Spinat, sie waren weich und würzig und lagen in einer Pfütze aus Parmesan und zerlassener Butter. Zwischendurch brachte Rößler ein Brett voller Schinken und Kaminwurzn, reichte dazu Schüttelbrot. Dann war das Kaiserschnitzel fertig, ein saftiges Kalbskotelett am Knochen, sanft umhüllt von einer krossen, welligen Panade. Ich wurde satter und satter, und ein warmes Gefühl von Urlaub und Geborgenheit erfüllte mich. In den Fenstern, in denen statt Glas Bildschirme verbaut waren, zog ein Almabtrieb vorbei.

Als ich das Restaurant verließ und zurückblickte, schien es mir, als habe eine Lawine die Hütte in den Dolomiten erfasst und bis nach Bremen getragen. Ich ging mit dem Gefühl, dass sich Fritz Rößler um mich kümmern würde, wenn es mir einmal schlecht ginge. Er würde wieder mit seiner Frau Beata in Urlaub fahren, eine Idee für ein Restaurant mitbringen und es zusammen mit mir eröffnen, um mir einen Anker im Leben zu geben.

2. Station: Dortmund

Am Nachmittag des folgenden Tages betrat ich mit einem freundlichen »Moin« das Mit Schmackes in Dortmund, der Kellner antwortete mit einem stummen Blick auf die Uhr. Ein richtiger Kaltstart für meinen Besuch bei Kevin Großkreutz. Dabei hatte ich große Erwartungen. Schließlich war Großkreutz ein Dortmunder Jung, der als Kind auf der Südtribüne des BVB stand, plötzlich für die Profis auflief und in Brasilien Weltmeister wurde. Ich war extra am Nachmittag angereist, gleich würde der Lokalheld mit seinem jetzigen Verein SV Darmstadt gegen den Abstieg aus der zweiten Liga kämpfen. Ich rechnete mit trinkenden, jubelnden, fluchenden Fans. Dabei war nur eine Handvoll Leute im Lokal. Ob sie denn nachher das Spiel zeigen würden? Verwunderte Blicke.

Das Mit Schmackes ist eine Ruhrpottkneipe im Industrie-Look und voll auf ihren prominenten Besitzer ausgerichtet. Zusammen mit einem Geschäftspartner hat Großkreutz es 2016 er- öffnet, auch als Anlage für die Zukunft, wie er damals sagte. An den Wänden hängen Bilder und Trikots des Spielers, die verschiedenen Sitzbereiche heißen »Anstoß«, »Mittelfeld«, »Gästeblock«. Ich schlug die Karte auf. Warum jener Salat denn nach dem ehemaligen Torwart der brasilianischen Nationalmannschaft »Julio César« heißt, fragte ich den Kellner. Er murmelte etwas von »Marketinggenie«. Dann lieber nicht, dachte ich und bestellte das »Ruhrpott-Carpaccio 2.0 (240g): eine Curry- und eine Jägerwurst mit Fritten & Beilagensalat (Tipp!)«.

Ich saß im »Mittelfeld«, Kevin Großkreutz nur auf der Darmstädter Ersatzbank, und als erst 15 Minuten nach Anpfiff die Fernseher auf den richtigen Kanal umgestellt wurden, dämmerte es mir, dass ich die Bedeutung des SV Darmstadt in Dortmund überschätzt hatte. Das Essen kam zügig, aber mit einem Dämpfer: Die Würste waren gar nicht carpaccioartig in feine Scheiben geschnitten. Also schnitt ich selbst abwechselnd Currywurst und Jägerwurst, tunkte die Stücke wahlweise in Curry- oder Rahmsauce, zwischendurch spießte ich ein paar Pommes und Champignons auf. Notiz für später: Fußballerportionen sind große Portionen.

Ich spülte mit Mineralwasser nach und musste alsbald auf den »(Ruhr)Pott«, so heißt die Toilette. Auf dem Rückweg bemerkte ich eine eingerahmte graue Jacke an der Wand, »Jacke vom vermeintlichen Dönerwurf« las ich auf einem Schild darunter. 2014 soll Großkreutz in diesem Outfit einen Kölner Fan mit einer solchen Fleischtasche beworfen haben. »Marketinggenie«, murmelte ich und verabschiedete mich umgehend.

3. Station: Mönchengladbach

18 Stunden später saß ich mit dem einstigen Leverkusener Abwehrspieler Jens Nowotny auf der Terrasse seines Restaurants, blickte auf einen Teich und beobachtete Enten. Zwei Erpel hatten es auf ein Stockentenweibchen abgesehen, einer hatte sich auf sie geschwungen und sich in ihr Federkleid verbissen. »Jetzt drückt er sie unter Wasser«, kommentierte Nowotny. Zwischendurch sah man nicht mal mehr ihren Schnabel.

Es war ein sonniger Montag im Mai, das Salinas im Mönchengladbacher Volksgarten gut besucht. Es ist angelegt wie ein Pavillon, mit rundum verglastem Gastraum und einer Seeterrasse. Neben Nowotny saß sein Geschäfts- partner Paris Houdeloudis, dessen Aufmerksam- keit sich in die entgegengesetzte Richtung wandte, ins Restaurant. »Am Tisch hinter uns war jetzt seit fünf Minuten keine Kellnerin«, sagte Houdeloudis, »da werde ich schon nervös.« Niemand wisse, warum Enten das täten, setzte Nowotny fort, »wenn sie die Mutter jetzt umbringen, sind auch deren Junge in zwei Stunden tot. Die Natur kann grausam sein.«

Jens Nowotny, Verteidiger bei Bayer Leverkusen, Nationalspieler bei der WM 2006 in Deutschland, ist immer noch sehr groß und sehr breit, er hält den Rekord der meisten roten Karten in der Geschichte der Bundesliga, acht

Stück hatte er über die Jahre gesammelt. Er empfahl mir den Chicken-Salat mit Extra-Feta. Wie er auf die Idee gekommen sei, dieses Restaurant zu eröffnen? »Schon vor 27 Jahren wollte ich eine Sportsbar aufmachen«, antwor- tete Nowotny, »ich dachte, es wäre cool, etwas Eigenes zu haben.« Schließlich war es Houdeloudis, der die Idee umsetzte. »Ich war lange Zeit auf Ibiza«, sagte dieser, von dort stamme nicht nur der Name, sondern auch die kulinarische Ausrichtung des Salinas: Tapas, Pizza, Pasta, Burger und Fisch. Es ist viel Arbeit – für Houdeloudis. »Von uns beiden bin ich eher derjenige, der das genießt«, sagte Nowotny.

So dürften sich viele Fußballer ihr Engagement in der Gastronomie vorstellen. Investieren, zurücklehnen, Vögel beobachten. Während ich mich verabschiedete, verbiss sich eine Kanadagans unter lautem Geschnatter in eine Graugans.

»Das ist Natur«, sagte Nowotny.

4. Station: Köln

Fünf Monate waren seit der Eröffnung ver- gangen, als ich Lukas Podolskis Dönerbude in Köln betrat. Wie würde es dort heute zugehen? Auf Instagram sah ich, dass Poldi erst vor wenigen Stunden ein Foto gepostet hatte, auf- genommen vor seinem Laden. Sollte der nicht in Japan bei seinem Verein Vissel Kobe sein? Am Tag zuvor war Spieltag, das hatte ich extra geprüft. Aber umso besser: Vielleicht würde ich ihn sogar treffen.

Das Mangal ist kaum breiter als eine Garage, dafür nur halb so tief. Drei Mitarbeiter säbelten schwitzend Fleisch von zwei Spießen. Der Hype der Eröffnung war noch nicht abge- klungen, es war voll, Menschen machten Fotos im Vorbeigehen. Ich nahm einen Döner mit Hühnerfleisch, ließ scharfe Soße und Tsatsiki mischen, Salat und Schafskäse auflegen. Das Brot schien selbst gebacken, das Fleisch war saftig, der Salat frisch, die scharfe Soße scharf. Ich fragte den Verkäufer nach dem Chef. War Poldi gestern da? »Nein, vorgestern.« Wegen einer Wadenverletzung sei er kurzfristig ange-

reist, erfuhr ich. »Er sagt uns nicht Bescheid, wann er kommt.« Mir auch nicht.

Ich aß im Stehen neben dem Lokal. Vor einer Haustür, wie mir ein älterer Herr klar- machte. »Darf ich mal?«, fragte er in einem Ton, der suggerierte, dass er diese Frage neuerdings öfter stellen musste. Ich dagegen fragte mich, ob ich auf meiner Reise noch auf einen Fußballer treffen würde, der mehr für sein Res- taurant war als Maskottchen oder Geldgeber.

5. Station: Ludwigsburg

Im Erdgeschoss des Hotel Riviera nahe dem Bahnhof eröffnete Ende 2017 der einstige Hoffenheimer Tobias Weis die Pinseria. Ich kam zur Mittagszeit an. Pizzaroller schnitten krachend durch Krusten, zwei Männer bade- ten ihre Schnauzer in Schorlen. Die Wände waren geschmückt mit Dingen, die sonst die Nachbarn »zum Mitnehmen« auf die Straße stellen, ein goldener Bilderrahmen ohne Bild, ein rostiger Propeller, eine Fahrradfelge.

Der Messi-große Mittelfeldspieler Weis erschien in kurzen Hosen und T-Shirt. Er ist 32 Jahre alt, war sogar Nationalspieler, aber durch ein Zerwürfnis mit dem Trainer in Hoffenheim

erhielt seine Laufbahn einen schweren Dämpfer. Mit einigen weiteren Spielern wurde er damals aus der Mannschaft geschmissen, »das hat Kar- rieren zerstört«, sagte Weis. Darunter seine.

Im Urlaub in Rom habe er dann zum ersten Mal Pinsa gegessen, eine römische Art der Pizza, statt aus Hefeteig aus Sauerteig geba- cken und rechteckig ausgerollt. »Das muss man doch nach Deutschland bringen«, habe er sich gedacht und legte los. Er baue seine Pinseria gerade zum Franchise-Unternehmen aus, Anfragen kämen von allen Seiten. Die zweite Filiale eröffne demnächst in Ludwigs- hafen. Ein Fußballer mit einem Plan.

Wie viel Tobias Weis stecke nun in der Pin- seria?, fragte ich. Nicht viel, »es geht um das

Produkt«, erwiderte er. Auf der Speisekarte fand ich ihn dann doch. Pinsa »Tobias Weis« trägt die Nummer 17 und wird belegt mit Tomatensoße, Büffelmozzarella und pikanter Salami. Ich aß also Pinsa »Tobias Weis« mit Tobias Weis, der nichts aß, weil er abnehmen müsse. Als Beweis strich er sich über den flachen Bauch.

6. Station: Stuttgart

Die Stuttgarter Grünflächen waren voll mit Menschen, als ich mich auf den Weg machte zum ehemaligen Duisburg-Spieler Michael Zeyer, genannt »Zico«, weil er zauberte wie der gleichnamige brasilianische Mittelfeld

spieler. Er führt das Restaurant 5 und ist damit erfolgreicher als alle anderen Fußballer auf meiner Reise. Eröffnung 2011, erster Michelin-Stern 2012. Eine Auszeichnung, die er sich selbst erkämpft hat. »Manche Spieler ge- ben ihren Namen, um Gäste zu ziehen«, sagte er, aber selber managen, so wie er, sei ein Rie- senaufwand. »Du musst dich reinfuchsen.« Sieben Tage die Woche kümmere er sich um das Restaurant, jeden Tag an der Front, »jeden Tag Gras fressen«.

Schwarze Stahlträger dominieren den dunk- len Gastraum des 5, Relikte des alten Stuttgarter Bahnhofs. Ich sollte der einzige Gast an diesem Abend bleiben, Zeyer hatte schon damit ge- rechnet. Es war einer der ersten warmen Tage

des Jahres. Die Leute säßen alle draußen, und generell sei der Monat, in dem Pfingsten liegt, für gewöhnlich der schlechteste des Jahres: »Manchmal geht man halt mit einer 0 : 4-Klatsche nach Hause.«

Ich nahm Platz in einem Ohrensessel aus hellbraunem Leder und bestellte drei Gänge, natürlich, Weinbegleitung, versteht sich, gerne einen Aperitif vorneweg. Dann be- gann Zeyer zu erzählen, und das so ruhig und leise, dass ich froh war, dass mein Sessel den Schall auffing und in Richtung meiner Gehörgänge bündelte. »Das Karriereende ist eine Zäsur«, sagte er. Freunde riefen plötz-

lich nicht mehr an, Berater gingen nicht mehr ans Telefon, und oft halte auch eine Ehe der Umstellung nicht stand. Zeyer rechnete das einmal durch: »Wenn es gut lief, haben Fußballer in ihrer Karriere fünf Millionen Euro verdient«, sagte er.

Eine Million haben sie schon ausgegeben, blieben noch vier.

Die Hälfte nehme die Frau bei der Scheidung mit, blieben zwei.

Ein Haus in Stuttgart koste eine Million Euro, bleibe noch eine Million.

Pro Jahr brauchten sie 100 000 Euro, dann seien sie nach zehn Jahren durch.

»Irgendwann geht das Geld aus, dann musst du ins Dschungelcamp.«

Gesucht wird also dringend eine zweite Karriere. Viele Möglichkeiten gebe es für Fußballer nicht, sagte Zeyer. Man könnte im Sport weitermachen, klar, das sei auch sein Ziel gewesen. Deshalb hatte er schon während der Karriere Betriebswirtschaft studiert und Sprachen gelernt. Er dachte, mit dieser Erfahrung würde er sicher einen Job als Manager kriegen. Aber letztendlich gehe es nur um Kontakte. »Ich bin kein so guter Netzwerker«, sagte er nachdenklich, die Arme vor der Brust verschränkt. In diesem Moment konnte ich ihn mir auch nicht vorstellen zwischen Schreihälsen wie Uli Hoeneß oder Rudi Völler.

Ich aß derweil einen perfekt gegarten bretonischen Steinbutt unter einer Parmesankruste, der mit einer grünen Tomaten-Caipirinha aufgegossen wurde. Mit jedem Bissen und jedem Schluck Roten Veltliners wurde ich froher, dass Zeyer sich erfolgreich in der Gastronomie etabliert hatte. Zum Hauptgang verlas der Kellner die Aufstellung der japanischen Nationalmann- schaft, es spielten Wagyu, Wasabi, Rauke, Yuzu, Ponzu, Tapioka, Dashi und Wakame, und sofern ich das beurteilen konnte, dürften sie in dieser Form Weltmeister werden.

Zum Dessert gab mir Zeyer noch zwei Tipps mit auf den Weg. Erstens: Steige als Fußballer in ein bestehendes Lokal ein, von dem du die Zahlen kennst, anstatt etwas Neues aufzubauen. Zweitens: Such dir keinen Partner, sondern stelle jemanden ein, den du wieder entlassen kannst.

7. Station: Berlin

Ich saß in Berlin-Wilmersdorf, nur wenige Hundert Meter vom Ku’damm entfernt, und erzählte Puria Ahmadian von »Zico« Zeyers Tipps für ein erfolgreiches Fußballerrestaurant. Der zuckte nur mit den Schultern. »Wir haben alles aus dem Vorladen rausgerissen und unser eigenes Ding gemacht«, sagte er. Und Geschäftspartner gab es hier gleich drei. »Asche, sein Bruder Eddy und ich, wir sind wie Brüder.«

»Asche« heißt mit vollem Namen Ashkan Dejagah, er wurde 2009 deutscher Meister mit dem VfL Wolfsburg, aktuell ist er beim englischen Zweitligisten Nottingham Forest unter Vertrag. Im Januar eröffnete er mit seinen beiden Geschäftspartnern das 21. Dejagah war dort leider nicht anzutreffen, er bereitete sich gerade mit der iranischen Nationalmannschaft auf die WM vor, bei der er als Kapitän auflaufen wird. Er ließ sich aber per WhatsApp über unser Treffen auf dem Laufenden halten.

»Sushi und Shisha« ist das Konzept des 21, weshalb in der ehemaligen Küche nun Wasserpfeifen vorbereitet werden, während der japanische Sushi-Meister direkt hinter dem Tresen am Eingang werkelt. »Den Koch haben wir bei der Konkurrenz rausgekauft«, sagte Ahmadian, und auch beim Rest des Ladens waren die drei Partner in die Vollen gegangen. Die Farbe an der Decke? »Blattgold.« Die violetten Sofas? »Designerstücke.« Das Holz? »Nussbaum.« Die Wasserpfeifen? »Pro Stück 300 Euro.« Der Boden? »Die teuersten Fliesen im Baumarkt.« Der Lachs für das Sushi? »Erste Kategorie, kauft sonst fast keiner in Berlin.« Kool Savas, der Rapper, der außerdem Ahmadians Schwager ist, schrieb nach der Eröffnung auf Instagram: »Grandioses Konzept trifft auf ein tolles Ambiente – 10 von 10 Punkten!«

Damit war alles gesagt, dachte ich und sah das Ende meiner Deutschlandreise gekommen. Ich war ganz froh, hatte ich doch viel geredet, noch mehr zugehört, am allermeisten aber gegessen. Jetzt war ich bereit, mich wieder etwas passiver mit Fußballern zu beschäftigen, bei der WM, vom Sofa aus. Ich griff mit meinen Stäbchen nach dem letzten Lachs-Sashimi, es zerging auf meiner Zunge. Sollte sich das 21 nicht halten, dachte ich, dann wird das Sushi jedenfalls keine Schuld treffen.

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