“Ich bin eher Freilandhuhn”

Nora Tschirners neuer Film heißt “Gut gegen Nordwind”. Aber was versteht sie eigentlich von Wind und Wetter?

Interview: Ilona Gerdom, Johannes Mitterer; erschienen in: JWD #14/2019

Nora, du bist in Berlin-Pankow aufgewachsen und lebst noch heute in Berlin. Wenn man deine Biografie anschaut, bist du das totale Stadtkind. Wann warst du das letzte Mal richtig in der Natur?

Nora Tschirner: Heute morgen. Ich habe in der Nacht eine Sternschnuppe gesehen, hatte einen fantastischen Sternenhimmel über mir, Tiere um mich und Dreck überall. Ich sehe sehr viel Natur.

Wo warst du da?

Auf einem Hof in Brandenburg, mit Wäldern drumherum, wo sich viele Tiere und Menschen gemeinsam aufhalten. Aber es muss kein spezieller Ort sein.

Was zieht dich an der Natur an?

Das ist die Lebenshaltungsform, die mir für Menschen am meisten einleuchtet. Ich bin eher Freilandhuhn. Ich liebe es, wenn alles krumm und schief ist. In der Stadt bin ich nur noch selten.

Hattest du als Kind das Gefühl, dass dir in der Stadt etwas fehlt?

Ja, aber eher unterschwellig. Als Kind lernt man ja schnell, über die inneren Stimmen hinwegzugehen und denkt, das müsse alles so sein, wie die Großen sagen. Als ich dann mit Mitte 20 angefangen habe, mich zurückzuerinnern, wo es mir am besten ging, war das immer mit einer Hand in irgendeinem Fell, mit den Knien im Dreck und mit Wind um die Nase. Und als ich dann noch gemerkt habe, huch, ich kann ja mitgestalten an meinem Leben, habe ich es immer weiter rausverlagert. Heute hab ich schon das Gefüh, ich mache mich stadtfein, wenn ich nach Berlin fahre.

Gibt es eine bestimmte Art von Natur, die dich reizt?

Wald. Seit Ronja-Räubertochter-Tagen schon. Die Kühle, gemischt mit einer Lichtung und einem Bach, da könnte ich sofort anfangen zu heulen.

Spielt für dich beim Rausgehen das Wetter eine Rolle?

Ja, aber nicht wie für die meisten Leute, die dann nicht rausgehen. Ich finde es herrlich, dass es so unterschiedliches Wetter gibt. Ich war immer eher der Typ, der in der krassen Kälte unterwegs ist. Das muss dann auch nicht tolles Schneewetter sein. So ein richtiges Mistwetter finde ich super. Hitze konnte ich lange nicht aushalten. Mittlerweile genieße ich auch das – dass man innerhalb von einer Sekunde schweißgebadet ist und überall der Dreck klebt.

Bist du auf alle Wetterlagen vorbereitet?

Ich liebe gute Ausrüstung, aber eher auf pragmatische Art. Ich hasse nichts mehr, als wenn ich eine Unternehmung abbrechen muss, weil ich oder jemand anderes nicht richtig angezogen ist. Da habe ich Zero Tolerance. Ich finde das ganz schlimm, wenn man denkt: “Geil, Wandern!” Und nach einer halben Stunde jammert einer über eine Blase. Alter, what the fuck! Das kann ich mir auch selber schwer verzeihen. Deswegen bin ich meist richtig angezogen, egal wofür.

Gab es mal einen Moment, in dem dir das Wetter zu krass wurde?

Ich war mal auf einer Hundeschlittentour, da waren minus 20 Grad und Schneesturm. Als ich da morgens rausging, dachte ich, ich werde sofort sterben. Dann haben mir Leute vor Ort gezeigt, wie man sich anzieht, mit Ledernasenschutz und drei Lagen Schal über den Ohren. Das war wie ein Raumanzug, ich hab den Sturm nicht mal mehr gehört. Komplett geschützt in einem lebensfeindlichen Umfeld zu sein, zu wissen, dass man sich auch gegen solche Temperaturen wappnen kann, das war das beste Gefühl von Freiheit.

Also bevorzugst du Abenteuerurlaube?

Früher habe ich alles mitgenommen, heute bin ich nicht mehr s ein Draufgänger. Aber Aktivität ist schon toll. Ich habe lange nicht verstanden, warum Leute an den Strand fahren, um zu braten. Als Kind hockte ich immer unter Büschen im Schatten, wenn wir in Griechenland waren. Da bin ich cooler geworden.

Was bedeutet Abenteuer für dich?

Abenteuer ist für mich gar nicht so was Ungewöhnliches. Dafür muss ich nicht an einer Klippe hängen. Es ist einfach etwas Unroutiniertes, etwas Neues. Das können auch kleine Sachen sein, dass ich mich im Alltag einem Dialog stelle, mit einem grummeligen Typen bei Edeka zum Beispiel. Dass ich da dranbleibe und plötzlich ein Level knacke in der Kommunikation, fällt für mich auch in die Kategorie Abenteuer. Also auch innere Vorgänge. Deswegen habe ich das Gefühl, mein Leben ist durchweg abenteuerlich, aber auf entspannte Art.

Wie motivierst du dich für Neues?

Brauch ich nicht. Ich bin einfach unfassbar neugierig und finde die Welt sehr spannend. Ich muss mich eher motivieren, Netflix zu gucken.

Was hast du als letztes gelernt, das wirklich neu war?

Wie man bei einem Pferd Fieber misst.

Und wie macht man das?

Wie beim Menschen. Es ist das gleiche Thermometer, nur die Herausforderungen sind andere. Das Worst-Case-Szenario ist, dass das Tier wegläuft und das Thermometer plötzlich nicht mehr in deiner Hand, sondern im Pferd steckt. Das wollen wir vermeiben, neben: Das Pferd findet dich unsympathisch und kickt dich weg.

Misst man von hinten, von vorn oder unter der Achsel?

Man hofft am Anfang, dass es die Stirn, das Ohr oder die Achsel ist, aber ist der Po. Eine Sache, von der ich nicht mehr erwartet hätte, dass ich das noch mache.

Wie ist die perfekte Temperatur beim Pferd?

Bisschen höher als bei uns, so 38 Grad dürfen die noch haben. Dieses Pferd hatte 37,3 Grad, das war okay.

Wir sind froh, dass wir das geklärt haben.

Ja, wenn ihr mal bei einem Pferd nicht genau wisst wegen Fieber, dann einfach durchklingeln.

Zurück zum Wetter. Ein Phänomen haben wir vergessen: Wind.

Ich habe tatsächlich ein echtes Problem mit Wind. Der stresst mich ziemlich. Nach einem windigen Tag am Meer brauche ich zwei Tage, um den aus dem System zu kriegen. Das ist wie für andere Leute ein Tinnitus. Dieses Gezerre, die Unruhe. Ich halte das aus, aber es ist nicht mein Lieblingselement.

Hast du einen Trick, wie du dich dagegen wappnest?

An den Strand würde ich immer einen Windschutz mitnehmen. Und Kapuze aufsetzen, damit um den Kopf alles zu ist. Oh Gott, ich bin ja völlig neurotisch – am besten wäre die Kluft von damals beim Hundeschlittenfahren, Ledernasenschutz, Schweißerbrille, drei Schals, so die leichten Sachen (lacht). Neeeein, ich habe überhaupt kein Problem mit Wind, und ich habe auch keine Tricks, ich bin sooooo ein Draußentyp, ich liebe Wind!

In deinem neuen Film “Gut gegen Nordwind” spielst du die verheiratete Emmi, die sich durch Zufall in einen anderen Mann verliebt, und zwar per E-Mail. Emmi liegt nachts oft wach, sie schiebt das dann auf den Nordwind, der beim Fenster reinkommt, und schreibt dann diesem Mann. Metaphorisch hält sie aber nicht der Wind wach, sondern ihre Einsamkeit.

Ich glaube, es ist beides. Der Wind nervt sie wirklich, unsere Befindlichkeiten ähneln sich da. Ich finde das übrigens eine sehr ambivalente Szene, weil man denkt: Meine Fresse, dann wechsle halt das Zimmer! Gleichzeitig geht es natürlich genau darum, man will ja auch mal derjenige sein, der einfach mal nicht weiß, wie etwas geht. Das ist schon auch berührend. Die Metapher wäre für mich eher, dass man in bestimmten inneren Mustern irgendwann durch Kontakt mit jemandem bestimmten zum ersten Mal weiterkommt. Ich habe das erlebt in Beziehungen, dass ich dachte: Hier hören die anderen auf, und hier fange ich an. Ganz klar. Und dann hast du eine Begegnung mit jemandem, und du merkst, krass, das war eigentlich eine Blockade, eine Gewohnheit, ein Muster, und das bröckelt gerade, und man hat so eine neue Freiheit. Emmi kommt plötzlich in Kontakt mit diesem Einsamkeitsfragezeichen in sich, das sie ohne Leo nicht spüren, nicht lösen konnte, selbst in ihrer Familie nicht, weil es diese Gesprächsebene mit ihrem Ehemann schon lange nicht mehr gab.

Kennst du das auch, dass du Gefühle oder Bedürfnisse an einen konkreten Sachverhalt koppelst, so wie Emmi ihre Einsamkeit im Wind spürt?

Ja. Aber auch im negativen Sinne. Zum Beispiel habe ich eine totale Angst vor Rollschuhfahren, die nichts mit Rollschuhfahren zu tun hat, sondern mit so einer Kontrollsache und mit – was weiß ich – meinen Knöcheln. Irrationaler Quatsch, der an so Zeug gekoppelt ist, wo es dann spannend ist weiterzufragen: Was ist denn das eigentlich?

Hast du eine Theorie, wo deine Angst vor dem Rollschuhfahren herkommt?

Ja, aber die möchte ich bitte lieber mit meinem Therapeuten besprechen. Oh Gott, wenn man damit anfängt… Das bringe ich mal als Buch raus. Aber ihr dann alle auch, bitte! Wahrscheinlich sagt jetzt jeder Therapeut: “Aha, Angst vor dem Rollschuhfahren, ganz klar, steht ih meinem Seelenbuch direkt auf Seite eins, das kann ja nur das und das sein.” Zum Glück lesen das nicht nur Therapeuten. Die anderen denken immer noch, ich bin ein bisschen normal…

Falls uns da irgendwelche Antworten erreichen, können wir diese sehr gerne weiterleiten.

Haha, ja, das ist mir immer ganz lieb, wenn mir völlig fremde Leute helfen, meine Probleme zu lösen: “Also ich glaube, die Nora hat ein Problem mit Nähe, aber just saying…”

Halbgötter in Weiß? – Wir doch nicht!

Constance Neuhann-Lorenz, Bruno Reichart, Erich Rembeck: Drei Spitzen-Mediziner im AZ-Interview – mit überraschenden Einblicken ins Schmerzempfinden von Eishockey-Spielern, ärztliches Ethos und die Nöte der Promis bei Schönheits-Operationen.

Interview: Johannes Mitterer, Max Sprick | erschienen in: Abendzeitung, 21.03.2014

München Die Plastische Chirurgin Dr. Constance Neuhann-Lorenz, der Herzchirurg Prof. Bruno Reichart und der Orthopädische Chirurg Dr. Erich Rembeck gehören zu den besten Ärzten Münchens. Zu ihrem Kundenstamm zählen auch viele Prominente. Ein Dreier-Interview über prominente Patienten, medialen Druck und Operationen ohne Betäubung.

AZ: Herr Rembeck, Boris Becker, der ja gerade eine beidseitige Hüft-OP hatte, hat gesagt, wenn ihm etwas fehlt, ruft er als Erstes bei Ihnen an. Wie oft meldet er sich denn?

ERICH REMBECK: Jede Woche. Wir kennen uns seit vielen Jahren. Ich bin nicht mehr nur sein orthopädischer Betreuer, sondern auch ein bisschen sein Hausarzt.

AZ: Halten sich Promis wie Becker, die in ihrem Alltag viel im Mittelpunkt stehen, beim Arzt für wichtiger als normale Patienten?

CONSTANCE NEUHANN-LORENZ: In der plastischen Chirurgie sind sie oft sogar erstaunlich schüchtern. Unangenehme Patienten sind die Ausnahme.

BRUNO REICHART: Mir ist das gar nicht immer so bewusst gewesen, wen ich da operiere. Das Wichtigste war den meisten, alleine zu liegen. Es kam aber auch mal vor, dass jemand seinen eigenen Koch mitgebracht hat. Das kann ich nachvollziehen, das Essen im Krankenhaus ist ja kein Sterne-Essen.

AZ: Herr Rembeck, Sie betreuen Eishockeyspieler, Fußballer, Tennisspieler. Wer ist denn von denen am sensibelsten?

Eishockeyspieler sind mit Sicherheit am schmerzunempfindlichsten. Innerhalb von einer Minute nähe ich dort ohne Betäubung große Wunden, die ich bei anderen großzügig steril abdecken würde.

NEUHANN-LORENZ: Warum eigentlich ohne Betäubung?

REMBECK: Weil’s Zeit kostet.

REICHART: Das wollt’ ich auch fragen, aber ich hab’ mich nicht getraut (lacht).

REMBECK: In 60 Sekunden Wechselzeit muss alles fertig sein, da hältst du dich nicht mit örtlicher Betäubung auf.

REICHART: In den USA hat sich einmal ein Patient bei meinem Chef beschwert, ich hätte ihm ohne Betäubung irgendwas zusammen genäht. Der hat aber an einem Durchgangssyndrom gelitten und sich das nur eingebildet. Ich kann mich nicht erinnern, jemals jemanden nicht betäubt zu haben.

AZ: Frau Neuhann-Lorenz, Sie operieren mit Ihrem Hilfsprojekt auch viele Patienten in sehr armen Ländern. Haben Sie dort immer die Möglichkeit, zu betäuben?

Ich hab noch nie einen Grund sehen können, irgendetwas nicht zu betäuben, wenn auch nur mit Eis.

Fällt Ihnen dieser Spagat zwischen Münchner Promis und Brand- und Säureopfern in Indien oder Bangladesch leicht?

NEUHANN-LORENZ: Meine Einsätze sind immer wieder ein Kulturschock. Ich habe schon viel gesehen, oft ist mir der Atem stehen geblieben. Aber ich habe auch hier in München bei meinen prominenten Patienten das Gefühl, dass sie unter den Problemen leiden, mit denen sie zu mir kommen.

AZ: Rufen Promis persönlich beim Arzt an oder macht das ein Assistent?

REMBECK: Die Medizin ist immer ein 1:1-Umgang, da haben Assistenten eigentlich nichts zu suchen. Mich hat noch nie ein Assistent von irgendwem angerufen.

NEUHANN-LORENZ: Bei mir melden sich die Leute auch eher direkt, weil eine gewisse Scheu besteht, sich zu den Eingriffen, die ich mache, zu bekennen. Mein Personal weiß, dass meine Patienten von niemandem gesehen werden wollen.

AZ: Herr Reichart, Sie haben Johannes von Thurn und Taxis operiert. Danach wurde Ihnen vorgeworfen, Sie hätten ihm bevorzugt ein Herz beschafft. Steigt der öffentliche Druck auf einen Arzt, wenn er Prominente behandelt?

Ein bekannter Mensch hat die gleichen Rechte wie jemand, der nicht so bekannt ist. Es wird uns vorgeworfen, wir hätten damals nach Gutsherrenart die Organe vergeben, das war nicht so. Wir haben uns nicht wie Halbgötter in Weiß aufgeführt.

AZ: Aber haben Sie diese Vorwürfe im Nachhinein abgeschreckt? Haben Sie überlegt, in Zukunft die Finger von derart berühmten Patienten zu lassen?

REICHART: Nein, überhaupt nicht. Man darf sich nur nicht unterkriegen lassen.

REMBECK: Aber der Druck ist schon ein anderer, wenn du mit bekannteren Leuten zu tun hast. Bei mir geht es zwar nicht um Leben und Tod, trotzdem stehe ich genau unter Beobachtung, weil täglich sehr viel darüber geschrieben wird. Ich habe das immer als relativ belastend empfunden.

NEUHANN-LORENZ: Das kann ich nachvollziehen. Bei mir ist es enorm wichtig, dass man NICHT sieht, dass die Leute operiert wurden. Das ist schon sehr tricky und ich darf mich auf keinen Fall verplappern, also irgendwelche Namen in den Mund nehmen oder auch nur wissend dreinschauen.

AZ: Aber das ist im Alltag doch schwierig. Jeder kann vor Ihrer Praxis auf prominente Besucher warten.

NEUHANN-LORENZ: Natürlich, wenn jemand vor der Tür lauert, kann man das nicht verhindern. Wir versuchen die Termine so zu legen, dass wir die Promis an anderen Patienten vorbeischleusen können.

REMBECK: Meine Sportler hingegen werden oft sogar sehr gerne gesehen, weil sie eine Begründung für schlechte Leistungen kriegen.

AZ: Besteht auch gegenüber dem Patienten ein höherer Druck, wenn die Karriere vom Erfolg eines Eingriffs abhängt?

REMBECK: Nein, bei den Operationen geht es immer um den speziellen Fall und das medizinische Problem und nicht darum, dass ich jetzt eine Karriere ruinieren könnte.

NEUHANN-LORENZ: Angst haben eher die Patienten, die wissen, dass ihr Beruf auf dem Spiel steht. Vor allem Schauspieler fürchten sich wahnsinnig vor einem plastisch-chirurgischen Eingriff im Gesicht. Das ist ihr Kapital, davon leben sie. Auch Politiker sind sehr vorsichtig, weil sie auf keinen Fall negativ auffallen wollen.

AZ: Herr Rembeck, Sie haben ein Fitnessprogramm im bayerischen Landtag betreut, kürzlich hatten Sie den russischen Außenminister Sergei Lawrow in Behandlung. Ist Lawrow fitter als seine bayerischen Kollegen?

Ich glaube, ja. Das muss man lapidar zugeben.

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