GRENZWERTE

Die Luft ist verpestet, das Wasser verseucht, und auch das politische Klima ist im Süden Kaliforniens vergiftet. Mexiko und die USA schieben sich gegenseitig dafür die Verantwortung zu. Können Umweltaktivisten helfen, diesen Konflikt zu lösen?

Text: Johannes Mitterer, Margherita Bettoni, erschienen in Die Zeit 16/2021

Warnschild am New River in Calexico nur wenige Meter von der US-Grenze zu Mexiko / Foto: Johannes Mitterer

Gegen dreckige Luft und giftiges Wasser helfen keine Grenzen, auch keine Zäune, keine Mauern. Das haben sie hier gelernt in der Kleinstadt Calexico, ganz im Südosten Kaliforniens. Hier fließt der Fluss New River aus Mexiko über die Grenze in die USA, gleich neben dem Grenzübergang, wo sich an diesem Samstag die Autos derjenigen stauen, die nach Mexiko fahren. Stop-and-go, Abgase; Frauen mit orangefarbenen Westen und Trillerpfeifen regeln den Verkehr. Die vergangenen Tage waren trocken und warm, jetzt ist Regen angesagt. Ein starker Wind bläst Sand und Staub vom Ufer des New River in die Gesichter. Dazu der chemisch-süßliche Gestank des Wassers, der stechende Kopfschmerzen beschert. Gelbe Schilder warnen davor, das Ufer zu betreten. Aber was nützt das, wenn einem der Wind das Gift in die Augen bläst?

Calexico ist eine Kleinstadt im Imperial County in der Wüste Kaliforniens. Im umliegenden Imperial Valley und in der Schwesterregion in Mexiko konzentrieren sich viele kleine und große Probleme. Die Bevölkerung ist arm, die Umwelt verpestet. Und das politische Klima ist vergiftet – eine Folge des langjährigen Streits um den Mauerbau an der US-amerikanischen Grenze.

Mike Matzke steht am Ufer des New River, auch er bekommt Kopfschmerzen vom Gestank. Er kennt das. “Hier seht ihr den Fluss in seiner ganzen Pracht: Er ist grün, aber heute gibt es nur ein bisschen Schaum und kaum tote Fische – scheint ein ganz guter Tag zu sein.” Matzke, kräftiger Oberkörper, kurz rasierte Haare, am Gürtel Dienstwaffe und Marke, hält viel aus. “President” steht in goldenen Buchstaben auf seinem schwarzen Poloshirt – er ist der regionale Chef einer Gewerkschaft der Border Patrol, der amerikanischen Grenzschützer. Er schaut deshalb nicht nur nach Mexiko, er interessiert sich auch für Geschehnisse diesseits der Grenze.

Was beobachten Sie, Herr Matzke? “Ich hoffe, ihr habt viel Zeit mitgebracht”, sagt er. Da sind die Probleme mit dem Wasser. Matzke steht jetzt am Eisengatter, das den Fluss etwa hundert Meter vor der Grenze quer abriegelt. Ein Jeep der Border Patrol parkt am gegenüberliegenden, mit Stacheldraht gesäumten Ufer. Darin ein Beamter, der aufpasst, dass keiner über den Zaun klettert.

“Es gibt Nächte, da treiben ständig tote Fische vorbei”, sagt Matzke. “Hier im Gatter bleiben sie hängen und türmen sich auf. Dann müssen wir das Tor öffnen und den Kadaverklumpen mit Steinen bewerfen, um die Verstopfung zu lösen.” Viele seiner Kollegen, erzählt Matzke, klagen nach ihren zehnstündigen Schichten über Migräne und Sehstörungen. Das sind die milderen Symptome. Schlimmer wird es, wenn sie ins Wasser müssen. Immer wieder schicken Schleuser hier Migranten über die Grenze und hinein in den Fluss. Die Beamten der Border Patrol springen dann hinterher. Danach bekommen sie Ausschlag, Durchfall, Harnwegsinfektionen. Matzke hat einen Bericht verfasst, in dem er alles zusammengetragen hat, was an Giftstoffen im New River gefunden wurde: Pestizide, ungeklärte Abwässer, Unmengen von Colibakterien, dazu Erreger von Krankheiten wie Typhus und Tuberkulose. Der Bericht ist 41 Seiten lang.

Mike Matzke, Chef der örtlichen Gewerkschaft der US Border Patrol, am Ufer des New Rivers //
Foto: Johannes Mitterer

Calexico ist ein Beispiel dafür, wie jahrelange Nichtbeachtung auf der großen politischen Bühne, zwischen den Zentralregierungen in Washington, D. C. und Mexico City, das tägliche Leben in einer kleinen Grenzstadt prägt. Doch neuerdings ist Calexico ein Beispiel dafür, wie selbst in dieser verfahrenen politischen Lage etwas passieren und eine neue Bewegung entstehen kann – angetrieben von Akteuren auf beiden Seiten der Grenze, die von außen den Druck erhöhen. Im Mittelpunkt stehen Umweltprobleme, aber das ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Dahinter kommen all die anderen Ungerechtigkeiten zum Vorschein – denn das Gift im Fluss, die Abgase, die Probleme mit der Grenzmauer haben auf eine perverse Art und Weise etwas Verbindendes.

Schon seit den 1940er-Jahren gilt der New River als verpestet. Und das in Kalifornien, dessen Politiker sich gerne als umweltfreundlich und nachhaltig geben. Doch lange zeigten die zuständigen Behörden einfach mit dem Finger in Richtung Grenze. “Auf mich wirkt es, als sei die Meinung: Na ja, der Fluss kommt aus Mexiko, was sollen wir machen”, sagt Matzke. Doch leider fangen mit dem New River die Probleme erst an. Da ist auch noch die schlechte Luft. Matzke hat in Afghanistan auf einer Militärbasis an der Verbrennungsgrube gearbeitet. Verglichen mit dort ist die Feinstaubbelastung in Imperial County teilweise doppelt so hoch.

Matzkes Erfahrungen decken sich mit den offiziellen Statistiken der Region. Die Werte für Feinstaub und Ozon überschreiten regelmäßig die bundesweiten Grenzwerte. Jedes fünfte Kind hat Asthma, die Raten sind doppelt so hoch wie im kalifornischen Durchschnitt, auch die Zahl der Kinder mit Asthmaattacken in Krankenhäusern.

Die Luftverschmutzung hat ihre Ursachen auf beiden Seiten der Grenze. Auf der US-Seite liegt das Imperial Valley wie ein grün-brauner Flickenteppich auf der Wüste. Gut 2000 Quadratkilometer Fläche werden intensiv landwirtschaftlich genutzt, für Rinder, für Schafe, vor allem aber für die Produktion von Heu, Klee, Gemüse, Kartoffeln, Früchten und Nüssen. Ein weites Kanalsystem lässt in der Wüste sogar Melonen wachsen. Das ist nicht gut für die Luft.

Eine der Nebenwirkungen ist Feinstaub. Er fällt bei der Arbeit mit dem Boden an, beim Befahren unbefestigter Straßen. Nach der Ernte werden Felder brandgerodet, um sie für die nächste Aussaat vorzubereiten. Die Landwirtschaft auf mexikanischer Seite funktioniert genauso. Dort schließt sich an Calexico die Metropolregion mit der Großstadt Mexicali an, der Hauptstadt des Bundesstaates Baja California. Über 700.000 Menschen leben dort, mehr als 18-mal so viele wie in Calexico und viermal so viele wie im ganzen Imperial County.

Am schnellsten über die Grenze gelangt man zu Fuß, durch eine Drehtür im sandsteinfarbenen Kontrollgebäude der US-Behörden. Auf der mexikanischen Seite warten jeden Morgen Hunderte Hilfsarbeiter in der Schlange, um über die Grenze und dann zu den Farmen im Imperial Valley zu kommen. In Mexicali hingegen haben sich viele amerikanische Firmen niedergelassen, Luft- und Raumfahrtunternehmen, Elektronikhersteller, der Müslikonzern Kellogg’s. Würde jemand die Grenze schließen, es wäre ein wirtschaftliches Desaster für beide Seiten.

In Mexicali fließt der Verkehr zäh, viele Nebenstraßen sind ungeteert, staubig. Am Straßenrand qualmen die Holzfeuer der Taco-Stände, Feste werden mit Feuerwerken gefeiert, an kalten Tagen wärmen sich Menschen an brennenden Autoreifen. All das setzt Feinstaub frei. 2018 konfiszierten die Behörden in Mexicali deshalb 18 Tonnen Holz und 58.000 Reifen. Die Sanktionen sind Teil des neuen Plans einer binationalen Arbeitsgruppe, die Maßnahmen reichen von Werbespots bis zu Forschungsprojekten mit einem Windkanal.

Etwa 15 Autominuten südlich der Grenze, in einer ruhigen Wohngegend Mexicalis, liegt das Büro eines kleinen Start-ups, dem die bislang vielleicht nachhaltigsten Erfolge gelungen sind. Das Büro von Redspira ist ein kleines Studio mit grünen Wänden. Der Software-Unternehmer Alberto Mexia Sanchez hat das gemeinnützige Projekt 2018 gegründet. Mexia Sanchez, schwarze Haare, breites Lachen, ist ein Netzwerker und zugleich ein Mann, der ungeduldig wird, wenn nach langem Reden keine konkreten Maßnahmen folgen. Ein Mann wie Matzke von der Border Patrol, nur ohne Waffe.

Alberto Mexia Sanchez in seinem Büro in Mexicali // Foto: Johannes Mitterer

2016, erzählt Mexia Sanchez heute, habe er beim Grillen mit Freunden über seine Allergien gesprochen. Er war damit nicht allein. “Nach dem Abend habe ich mich gefragt: Was können wir tun?” Jeder in Mexicali wisse, dass die Luftqualität katastrophal sei, aber echte Messergebnisse habe es nicht gegeben. Ein Freund schickte ihm dann eine Open-Source-Bauanleitung für einen Sensor zur Messung der Luftqualität. Sanchez gefiel die Idee. Er ließ einen eigenen Sensor entwickeln, inklusive Software, 2018 war die erste Version fertig: ein grünes Plastikkästchen, so groß wie eine Untertasse.

Für Redspira arbeiten heute sieben junge Menschen, seit 2019 nehmen sie offiziell an den Meetings einer binationalen Behörden-Taskforce teil, viermal im Jahr, abwechselnd in Mexiko und den USA. Für Mexia Sanchez wurde dort meist zu viel geredet, aber immerhin hat er Geld bekommen, je zur Hälfte aus Mexiko und aus den USA. Über 100 der kostengünstigen Sensoren konnte Respira in Mexicali und dem umliegenden Tal dadurch schon installieren, drei davon sogar auf US-Seite in Calexico. Gemeinsame Daten für eine gemeinsame Region, Grenze hin oder her.

Die Sensoren speisen ein System, das die Daten aufbereitet und live auf einer Online-Landkarte auswirft, und zwar in fünf Farbstufen: Grün bedeutet “gut”, Violett bedeutet “extrem schlecht”. Die Karte macht eine unsichtbare Gefahr sichtbar. An vielen Wintertagen ist sie tiefrot gefärbt.

Über dieses einfache System und eine zugehörige App können die Menschen die Luft in ihren Vierteln bewerten. Denn Daten sind Macht, Bürger können damit zu ihren Abgeordneten gehen und Veränderungen einfordern.

Patricia Torres, Mexia Sanchez’ Kollegin, kümmert sich auch um das Flaggenprogramm, eine Art Offline-Erweiterung der Website. 77 Schulen haben sich schon bereit erklärt, auf Basis der Daten farbige Warnflaggen aufzuhängen. Torres ist stolz darauf: “Die Kinder gehen dann nach Hause und sprechen mit ihren Eltern über die Luftqualität”, sagt sie. Es seien die kleinen Schritte, die Großes bewirken können. Auch bei Redspira haben sie vom Umwelt-Engagement der Border Patrol gehört. Amerikas Grenzschützer sind sonst eher wegen ihrer oft harten Gangart in den Medien. “Das hat uns gewundert”, sagt Torres, “aber klar: Am Ende sind sie auch Menschen.” Sie leiden genauso.

Mike Matzke kennt das. “Die Leute sind immer überrascht, wenn sie sehen, dass wir uns für die Umwelt und die Gemeinde einsetzen”, sagt er, “aber wir sind genauso Teil der Gemeinde.” Er wurde auch schon öfter zu den Meetings der binationalen Behörden-Taskforce eingeladen, noch hat er es nicht geschafft. Auch er wird ungeduldig, wenn zu viel geredet wird. Dafür hat er zu viel zu tun.

Wie viel, das hat er auf einem Whiteboard im Konferenzraum seines Gewerkschaftsbüros zusammengefasst. Darauf hat er all die Giftstoffe notiert, die die Menschen in der Region belasten (siehe Auswahl rechts). Viele kommen etwa vom Saltonsee, dem größten See Kaliforniens. Darin mündet all das Wasser, das durchs Tal nach Norden fließt, durch die Städte und über die Äcker der Bauern. Auch der vergiftete New River kommt dort an. Einst ein beliebtes Reiseziel, gefährdet der Saltonsee mit seiner salzigen Brühe heute die ganze Region. Durch die Dürre der letzten Jahre sinkt der Wasserspiegel, immer mehr Ufer fällt trocken. Der getrocknete Schlamm wird dann vom Wind erfasst und als Staub über die ganze Gegend verteilt.

Und in diesem Staub steckt Gift. Feinstaub, Dünger und Pestizide – Glyphosat etwa und seit Jahrzehnten verbotene Mittel wie Chlordan oder DDT. Noch immer produzieren nur elf Prozent der Bauern im Imperial County organic, also nach den Standards des Bio-Anbaus. Auch Blei, Quecksilber, sogar Uran und Plutonium wurden im Schlamm nachgewiesen – am Saltonsee war lange Zeit ein militärisches Testgebiet. “Seit 30 Jahren wird hier zugeschaut, jetzt muss endlich aufgeräumt werden”, sagt Matzke. “Das sind arme Gemeinden hier, kaum jemand hat Geld für Anwälte. Aber wir als Gewerkschaft haben dieses Geld. Und wenn Meetings nicht helfen, müssen wir eben klagen.”

Matzke hat das Gefühl, dass sein Engagement der Bewegung endlich die nötige politische Schlagkraft bringe. Viele konservative Politiker interessieren sich zwar nicht für Umweltprobleme in der Grenzregion, für die Border Patrol aber schon – anderswo in Kalifornien haben Kollegen geholfen, Hunderte Millionen Dollar zu mobilisieren. Gerade versucht Matzke herauszufinden, wie viele seiner Kollegen in der Region an Krebs erkrankt sind. Und er hat es geschafft, seinen Arbeitgeber zu einer Untersuchung zu bewegen. Einige seiner Kollegen tragen nun Sensoren an ihren Schutzwesten, die die Luftqualität messen. “Die Kontrolleure kommen zwar immer nach einem Regentag, um die Werte auszulesen”, sagt Matzke, “aber immerhin.” Die Feinstaubwerte seien dadurch bislang alle im Rahmen gewesen, aber DDT sei schon nachgewiesen worden. Es sind Ergebnisse, die alle Menschen in der Region dies- und jenseits der Grenze interessieren dürften. Am Ende atmen sie alle dieselbe Luft wie die Beamten der Border Patrol.

Link zum Text auf Zeit Online: https://www.zeit.de/2021/16/mexiko-usa-luftverschmutzung-feinstaub-umweltschutz-verantwortung

Arizona Dream

Mirka sitzt in Mexiko, ihr Mann Felipe in den USA. Über zwei, die nicht zueinander dürfen

Text: Johannes Mitterer, Margherita Bettoni , erschienen in Dummy Nr. 67, Sommer 2020

Mirka wartet an der Grenzmauer in Nogales/Mexiko auf ihren Mann
Felipe // Foto: Johannes Mitterer

Es ist kein Gefängnis, in dem Mirka Lopez sitzt, aber es fühlt sich so an. Der Untergrund ist staubig, der Wind bläst einem Sand in die Augen. Am Boden schwingen sich in Beton eingefasste Beete, in denen keine Blume wächst. Steinkalte Bänke, viel Braun, viel Grau. Und vor Mirka, dieser schmalen Frau mit braunen Haaren: eine sandsteinfarbene Mauer, rund sechs Meter hoch, mit Fenstern aus Eisen.

Wenn Mirka nach rechts blickt, hier am Grenzübergang in Nogales, Mexiko, beobachtet sie, wie Leute durch ein Drehkreuz auf die andere Seite der Mauer gehen: Männer, Frauen, Kinder. Hunde. Sie reisen zum Einkaufen, Arbeiten oder zu Familientreffen in ein Land, das nebenan liegt, aber für Mirka noch nie so fern war. Seit vier Monaten sieht sie ihren Mann Felipe nur durch die Löcher der Fenstergitter, die so winzig sind, dass sich nur ihre Fingerkuppen berühren können. Und seit Monaten fragt sich Mirka: “Ist es das wert?”

Mirka, 39, und Felipe, 41, wurden in Nogales in Mexiko geboren, direkt an der US-amerikanischen Grenze. Fast ihr halbes Leben lang kämpfen sie schon dafür, in die USA einzuwandern, ein Land, das sie schon lange gut kennen.

Als sie Kinder waren, war die mexikanische Stadt eng mit der Schwesterstadt verbunden. Nogales in Arizona und Nogales in Sonora/Mexiko, das war wie eine Gemeinde. Familien, die auf beiden Seiten der Grenze lebten, besuchten sich regelmäßig. Bei großen Volksfesten drückten die Grenzbeamten ein Auge zu, die Menschen strömten in beide Richtungen, fast ohne Kontrollen.

Schon in den Achtzigerjahren lebt ein großer Teil von Mirkas Familie in den USA. Oft holen sie ihre Cousins und Cousinen an der Grenze ab, die damals nur aus einem Maschendrahtzaun besteht. Halloween, Thanksgiving, man feiert zusammen, auch wenn man manchmal an der Grenze ein bisschen länger warten muss, es ist viel los an solchen Tagen.

Mirka und Felipe lernen sich in der Schule kennen, und während sie ihren Abschluss machen, wird aus dem Maschendrahtzaun an der Grenze allmählich etwas Größeres. Im Jahr 1994 beginnt der damalige US-Präsident Bill Clinton, die Grenze zu Mexiko zu verstärken. Regionen, die keine natürlichen Barrieren besitzen, sollen konsequent abgeschottet werden, um die illegale Migration zu stoppen. Das betrifft vor allem die Städte, in denen mexikanisches und amerikanisches Leben längst verschmolzen sind. Auch zwischen den beiden Nogales reißen Bagger eine Wunde. Sie trennen den nördlichen Teil der Gemeinde ab und nähen ihn mit Eisen und Stacheldraht wieder an.

Im Jahr 2000 heiraten Mirka und Felipe, sie ist damals zwanzig, er einundzwanzig. Gemeinsam ziehen sie zu Felipes Mutter und seinen drei jüngeren Geschwistern. Sein Vater lebt damals schon allein in den USA und versucht von dort, seine Familie nachzuholen. Irgendwann geben die amerikanischen Behörden grünes Licht, doch nur für die Mutter und die kleineren Kinder. Felipe muss in Mexiko bleiben, weil er bereits volljährig ist. Mirka bleibt bei ihm.

Als Mirka zum ersten Mal schwanger wird, beschließen die beiden, das Kind in den USA zu bekommen. Obwohl die Einreiseverschärfungen im vollen Gange sind, muss Mirka bei der Grenzüberquerung kurz vor der Geburt lediglich nachweisen, dass sie die Kosten für das Krankenhaus im Voraus bezahlt hat. So kommt Mirkas und Felipes Sohn, der ebenfalls Felipe heißt, im Jahr 2001 als US-Bürger zur Welt, ebenso vier Jahre später ihre Tochter Amelie.

Während was Paar weiterhin auf eine Aufenthaltsgenehmigung in den USA hofft, kommen die Kinder in Mexiko in die Schule. Dort fehlen Trinkwasser und Klopapier, Amelie wird das Pausenbrot gestohlen. Viele Kinder kommen hungrig zur Schule, erklärt eine Lehrerin, und nehmen sich dann, was sie kriegen können. Ihre Kinder sollen es besser haben, finden Mirka und Felipe, und treffen einen schweren Entschluss. Sie übertragen das Sorgerecht auf Felipes Eltern und schicken die Kinder in die USA.

Zu diesem Zeitpunkt sieht die Grenze bereits mehr und mehr aus wie die Außenmauer eines Gefängnisses: meterhohe Sperranlagen mit Stacheldraht und Videokameras. Egal ob George W. Bush, Barack Obama oder Donald Trump, jeder neue US-Präsident bedeutet mehr Grenzpolizei, mehr Überwachung, mehr Abschottung.

Dann, nach sechzehn Jahren des Wartens, bekommt Felipe plötzlich seine Aufenthaltsgenehmigung. Es ist die Antwort auf den Antrag, den damals noch sein Vater für ihn gestellt hatte. Felipe und Mirka beschließen, dass er in die USA geht und sie so schnell wie möglich nachholt. Bis dahin darf Mirka immerhin als Touristin über die Grenze und Felipe zu ihr nach Mexiko reisen.

So vergehen zwei weitere Jahre, in denen die beiden auf den Entscheid warten, der Mirka als Ehefrau nachziehen lässt. Dann schließlich kommt die Einladung zu einer Anhörung. Mirka und Felipe informieren sich und vermuten, dass die Behörden prüfen wollen, ob sie ein richtiges Ehepaar sind. Einige versuchten wohl, so hören sie, sich über Zweckbündnisse Aufenthaltspapiere zu erschleichen. Eine Formsache, denke beide. Eine Anwältin aus Tucson rät Mirka, die Formalien für den Nachzug direkt aus den USA zu erledigen.

Im Spätsommer 2019 kündigt Mirka ihren Job als Friseurin, verlässt Mexiko und reist zu Felipe. Sie können ihr Glück kaum fassen.

Am Tag nach Mirkas Ankunft fahren sie zusammen nach Tucson und holen dort ihren neunzehnjährigen Sohn von einem Sommercamp ab. “Es war so schön, nach der Schule für ihn da zu sein”, sagt Mirka. Endlich wieder Muteter sein. Zuhause holen sie mit einem großen Frühstück Mirkas Geburtstagsparty nach, es gibt Waffeln und Obst. Im Juli hatte sie noch alleine in Mexiko gefeiert. Mirka erinnert sich an diese Monate wie an ein wunderbares Geschenk.

In dieser Zeit bereiten sie sich auf das Interview vor. Sie tragen Beweise zusammen, die eine echte Liebesheirat belegen: Fotos aus verschiedenen Lebensphasen, ohne Kinder, mit Kindern, Bankauszüge eines gemeinsamen Kontos. Eine Enzyklopädie einer jungen, intakten Familie.

Im Oktober 2019 ist es so weit. Mirka ist nervös vor dem Termin, ihre Anwältin hingegen guter Dinge. Gerade habe sie ein russisches Ehepaar erfolgreich durch die Anhörung gebracht, beruhigt sie Mirka.

Das Gespräch, erinnert sich Mirka, beginnt freundlich, kippt aber schnell. Die Beamtin hat ein Dokument aus dem Jahr 2005 ausgegraben. Es besagt, dass Mirka und Felipe verheiratet sind. Doch Felipes Vater habe damals eine Aufenthaltsgenehmigung für einen alleinstehenden Mann beantragt, nicht für einen verheirateten Ehemann. Ein Formfehler, weshalb Mirka nicht nachziehen könne. Ihr Visum wird ihr noch an Ort und Stelle weggenommen. In vierzehn Tagen, erklärt die Beamte noch, komme ein neuer Anhörungstermin per Post. Wie sie ohne Visum aus Mexiko zu dem Termin in den USA kommen solle, fragt Mirka. Die Antwort: Das sei ihr Problem.

Es ist nicht nur die Ablehnung, die Mirka in eine Krise stürzt, es ist auch die Art, wie man mit ihr umgeht. “Sie geben dir das Gefühl, du seist eine Kriminelle, dabei haben wir immer versucht, alles richtig zu machen.” In der Zeit nach der Anhörung fürchtet Mirka ständig, verhaftet zu werden. Sie verlässt das Haus nicht mehr, die Kinder dürfen die Tür nicht öffnen. An Schulfesten nimmt sie nicht teil, sie redet mit niemandem. Kurz vor Weihnachten kommt schließlich ein neues Schreiben. Es ist kein neuer Termin, sondern die Aufforderung, die USA innerhalb von 33 Tagen zu verlassen.

Kurz überlegen sie, ob Mirka illegal im Land bleiben soll, bei ihrem Mann und ihren Kindern. “Was hätten meine Kinder von einer gestressten, depressiven, sinnlosen Mutter? Ich hätte nicht arbeiten, meine Tochter nicht zur Schule bringen können”, sagt Mirka. “Das war es nicht wert”.

Die Grenze wurde inzwischen weiter hochgerüstet. Ein Monstrum aus Betonplatten, Stacheldraht und vergitterten Fenstern, an denen sich auf beiden Seiten Menschen tummeln, die sich nah sein wollen, aber nicht können. Ende Januar dieses Jahres geht Mirka durch das Drehkreuz in der Mauer zurück in ihr altes Leben, das nicht mehr ganz das alte ist. Ihre Tochter Amelie, sie ist mittlerweile 15, begleitet sie, sie will bei ihrer Mutter leben. Dafür steht Amelie jeden Morgen um fünf Uhr auf. Der Schulweg über die Grenze dauert eine Stunde. Felipe treffen Mutter und Tochter jeden Sonntag an der Grenze. Solange sein Status nicht klar ist, kann er die USA nicht verlassen, ohne seine Aufenthaltsgenehmigung zu verlieren.

Noch hofft Felipe, dass Mirka doch noch nachkommen darf, bald. Wie weiß man, wann ein Traum geplatzt ist? “Manchmal glaube ich, Felipe würde sich in Mexiko besser fühlen”, sagt Mirka. “Ökonomisch würde es uns nicht so gut gehen, aber wir wären zusammen, in Frieden, das ist unbezahlbar.”

Natürlich wäre es schlimm, wieder von der Familie und ihrem Sohn getrennt zu sein. Aber wenn sie sieht, was ihre Kinder schon erreicht haben, kehrt Mirkas Stolz zurück. Ihr Sohn hat für sein Informatikstudium bereits zwei Stipendien bekommen, Amelie wurde in ein Kunstförderprogramm der Universität von Arizona in Tucson aufgenommen. “Wir haben den USA gute Bürger geschenkt”, sagt Mirka. Auch wenn sie selbst von den USA wenig zurückbekommen haben. //