GRENZWERTE

Die Luft ist verpestet, das Wasser verseucht, und auch das politische Klima ist im Süden Kaliforniens vergiftet. Mexiko und die USA schieben sich gegenseitig dafür die Verantwortung zu. Können Umweltaktivisten helfen, diesen Konflikt zu lösen?

Text: Johannes Mitterer, Margherita Bettoni, erschienen in Die Zeit 16/2021

Warnschild am New River in Calexico nur wenige Meter von der US-Grenze zu Mexiko / Foto: Johannes Mitterer

Gegen dreckige Luft und giftiges Wasser helfen keine Grenzen, auch keine Zäune, keine Mauern. Das haben sie hier gelernt in der Kleinstadt Calexico, ganz im Südosten Kaliforniens. Hier fließt der Fluss New River aus Mexiko über die Grenze in die USA, gleich neben dem Grenzübergang, wo sich an diesem Samstag die Autos derjenigen stauen, die nach Mexiko fahren. Stop-and-go, Abgase; Frauen mit orangefarbenen Westen und Trillerpfeifen regeln den Verkehr. Die vergangenen Tage waren trocken und warm, jetzt ist Regen angesagt. Ein starker Wind bläst Sand und Staub vom Ufer des New River in die Gesichter. Dazu der chemisch-süßliche Gestank des Wassers, der stechende Kopfschmerzen beschert. Gelbe Schilder warnen davor, das Ufer zu betreten. Aber was nützt das, wenn einem der Wind das Gift in die Augen bläst?

Calexico ist eine Kleinstadt im Imperial County in der Wüste Kaliforniens. Im umliegenden Imperial Valley und in der Schwesterregion in Mexiko konzentrieren sich viele kleine und große Probleme. Die Bevölkerung ist arm, die Umwelt verpestet. Und das politische Klima ist vergiftet – eine Folge des langjährigen Streits um den Mauerbau an der US-amerikanischen Grenze.

Mike Matzke steht am Ufer des New River, auch er bekommt Kopfschmerzen vom Gestank. Er kennt das. “Hier seht ihr den Fluss in seiner ganzen Pracht: Er ist grün, aber heute gibt es nur ein bisschen Schaum und kaum tote Fische – scheint ein ganz guter Tag zu sein.” Matzke, kräftiger Oberkörper, kurz rasierte Haare, am Gürtel Dienstwaffe und Marke, hält viel aus. “President” steht in goldenen Buchstaben auf seinem schwarzen Poloshirt – er ist der regionale Chef einer Gewerkschaft der Border Patrol, der amerikanischen Grenzschützer. Er schaut deshalb nicht nur nach Mexiko, er interessiert sich auch für Geschehnisse diesseits der Grenze.

Was beobachten Sie, Herr Matzke? “Ich hoffe, ihr habt viel Zeit mitgebracht”, sagt er. Da sind die Probleme mit dem Wasser. Matzke steht jetzt am Eisengatter, das den Fluss etwa hundert Meter vor der Grenze quer abriegelt. Ein Jeep der Border Patrol parkt am gegenüberliegenden, mit Stacheldraht gesäumten Ufer. Darin ein Beamter, der aufpasst, dass keiner über den Zaun klettert.

“Es gibt Nächte, da treiben ständig tote Fische vorbei”, sagt Matzke. “Hier im Gatter bleiben sie hängen und türmen sich auf. Dann müssen wir das Tor öffnen und den Kadaverklumpen mit Steinen bewerfen, um die Verstopfung zu lösen.” Viele seiner Kollegen, erzählt Matzke, klagen nach ihren zehnstündigen Schichten über Migräne und Sehstörungen. Das sind die milderen Symptome. Schlimmer wird es, wenn sie ins Wasser müssen. Immer wieder schicken Schleuser hier Migranten über die Grenze und hinein in den Fluss. Die Beamten der Border Patrol springen dann hinterher. Danach bekommen sie Ausschlag, Durchfall, Harnwegsinfektionen. Matzke hat einen Bericht verfasst, in dem er alles zusammengetragen hat, was an Giftstoffen im New River gefunden wurde: Pestizide, ungeklärte Abwässer, Unmengen von Colibakterien, dazu Erreger von Krankheiten wie Typhus und Tuberkulose. Der Bericht ist 41 Seiten lang.

Mike Matzke, Chef der örtlichen Gewerkschaft der US Border Patrol, am Ufer des New Rivers //
Foto: Johannes Mitterer

Calexico ist ein Beispiel dafür, wie jahrelange Nichtbeachtung auf der großen politischen Bühne, zwischen den Zentralregierungen in Washington, D. C. und Mexico City, das tägliche Leben in einer kleinen Grenzstadt prägt. Doch neuerdings ist Calexico ein Beispiel dafür, wie selbst in dieser verfahrenen politischen Lage etwas passieren und eine neue Bewegung entstehen kann – angetrieben von Akteuren auf beiden Seiten der Grenze, die von außen den Druck erhöhen. Im Mittelpunkt stehen Umweltprobleme, aber das ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Dahinter kommen all die anderen Ungerechtigkeiten zum Vorschein – denn das Gift im Fluss, die Abgase, die Probleme mit der Grenzmauer haben auf eine perverse Art und Weise etwas Verbindendes.

Schon seit den 1940er-Jahren gilt der New River als verpestet. Und das in Kalifornien, dessen Politiker sich gerne als umweltfreundlich und nachhaltig geben. Doch lange zeigten die zuständigen Behörden einfach mit dem Finger in Richtung Grenze. “Auf mich wirkt es, als sei die Meinung: Na ja, der Fluss kommt aus Mexiko, was sollen wir machen”, sagt Matzke. Doch leider fangen mit dem New River die Probleme erst an. Da ist auch noch die schlechte Luft. Matzke hat in Afghanistan auf einer Militärbasis an der Verbrennungsgrube gearbeitet. Verglichen mit dort ist die Feinstaubbelastung in Imperial County teilweise doppelt so hoch.

Matzkes Erfahrungen decken sich mit den offiziellen Statistiken der Region. Die Werte für Feinstaub und Ozon überschreiten regelmäßig die bundesweiten Grenzwerte. Jedes fünfte Kind hat Asthma, die Raten sind doppelt so hoch wie im kalifornischen Durchschnitt, auch die Zahl der Kinder mit Asthmaattacken in Krankenhäusern.

Die Luftverschmutzung hat ihre Ursachen auf beiden Seiten der Grenze. Auf der US-Seite liegt das Imperial Valley wie ein grün-brauner Flickenteppich auf der Wüste. Gut 2000 Quadratkilometer Fläche werden intensiv landwirtschaftlich genutzt, für Rinder, für Schafe, vor allem aber für die Produktion von Heu, Klee, Gemüse, Kartoffeln, Früchten und Nüssen. Ein weites Kanalsystem lässt in der Wüste sogar Melonen wachsen. Das ist nicht gut für die Luft.

Eine der Nebenwirkungen ist Feinstaub. Er fällt bei der Arbeit mit dem Boden an, beim Befahren unbefestigter Straßen. Nach der Ernte werden Felder brandgerodet, um sie für die nächste Aussaat vorzubereiten. Die Landwirtschaft auf mexikanischer Seite funktioniert genauso. Dort schließt sich an Calexico die Metropolregion mit der Großstadt Mexicali an, der Hauptstadt des Bundesstaates Baja California. Über 700.000 Menschen leben dort, mehr als 18-mal so viele wie in Calexico und viermal so viele wie im ganzen Imperial County.

Am schnellsten über die Grenze gelangt man zu Fuß, durch eine Drehtür im sandsteinfarbenen Kontrollgebäude der US-Behörden. Auf der mexikanischen Seite warten jeden Morgen Hunderte Hilfsarbeiter in der Schlange, um über die Grenze und dann zu den Farmen im Imperial Valley zu kommen. In Mexicali hingegen haben sich viele amerikanische Firmen niedergelassen, Luft- und Raumfahrtunternehmen, Elektronikhersteller, der Müslikonzern Kellogg’s. Würde jemand die Grenze schließen, es wäre ein wirtschaftliches Desaster für beide Seiten.

In Mexicali fließt der Verkehr zäh, viele Nebenstraßen sind ungeteert, staubig. Am Straßenrand qualmen die Holzfeuer der Taco-Stände, Feste werden mit Feuerwerken gefeiert, an kalten Tagen wärmen sich Menschen an brennenden Autoreifen. All das setzt Feinstaub frei. 2018 konfiszierten die Behörden in Mexicali deshalb 18 Tonnen Holz und 58.000 Reifen. Die Sanktionen sind Teil des neuen Plans einer binationalen Arbeitsgruppe, die Maßnahmen reichen von Werbespots bis zu Forschungsprojekten mit einem Windkanal.

Etwa 15 Autominuten südlich der Grenze, in einer ruhigen Wohngegend Mexicalis, liegt das Büro eines kleinen Start-ups, dem die bislang vielleicht nachhaltigsten Erfolge gelungen sind. Das Büro von Redspira ist ein kleines Studio mit grünen Wänden. Der Software-Unternehmer Alberto Mexia Sanchez hat das gemeinnützige Projekt 2018 gegründet. Mexia Sanchez, schwarze Haare, breites Lachen, ist ein Netzwerker und zugleich ein Mann, der ungeduldig wird, wenn nach langem Reden keine konkreten Maßnahmen folgen. Ein Mann wie Matzke von der Border Patrol, nur ohne Waffe.

Alberto Mexia Sanchez in seinem Büro in Mexicali // Foto: Johannes Mitterer

2016, erzählt Mexia Sanchez heute, habe er beim Grillen mit Freunden über seine Allergien gesprochen. Er war damit nicht allein. “Nach dem Abend habe ich mich gefragt: Was können wir tun?” Jeder in Mexicali wisse, dass die Luftqualität katastrophal sei, aber echte Messergebnisse habe es nicht gegeben. Ein Freund schickte ihm dann eine Open-Source-Bauanleitung für einen Sensor zur Messung der Luftqualität. Sanchez gefiel die Idee. Er ließ einen eigenen Sensor entwickeln, inklusive Software, 2018 war die erste Version fertig: ein grünes Plastikkästchen, so groß wie eine Untertasse.

Für Redspira arbeiten heute sieben junge Menschen, seit 2019 nehmen sie offiziell an den Meetings einer binationalen Behörden-Taskforce teil, viermal im Jahr, abwechselnd in Mexiko und den USA. Für Mexia Sanchez wurde dort meist zu viel geredet, aber immerhin hat er Geld bekommen, je zur Hälfte aus Mexiko und aus den USA. Über 100 der kostengünstigen Sensoren konnte Respira in Mexicali und dem umliegenden Tal dadurch schon installieren, drei davon sogar auf US-Seite in Calexico. Gemeinsame Daten für eine gemeinsame Region, Grenze hin oder her.

Die Sensoren speisen ein System, das die Daten aufbereitet und live auf einer Online-Landkarte auswirft, und zwar in fünf Farbstufen: Grün bedeutet “gut”, Violett bedeutet “extrem schlecht”. Die Karte macht eine unsichtbare Gefahr sichtbar. An vielen Wintertagen ist sie tiefrot gefärbt.

Über dieses einfache System und eine zugehörige App können die Menschen die Luft in ihren Vierteln bewerten. Denn Daten sind Macht, Bürger können damit zu ihren Abgeordneten gehen und Veränderungen einfordern.

Patricia Torres, Mexia Sanchez’ Kollegin, kümmert sich auch um das Flaggenprogramm, eine Art Offline-Erweiterung der Website. 77 Schulen haben sich schon bereit erklärt, auf Basis der Daten farbige Warnflaggen aufzuhängen. Torres ist stolz darauf: “Die Kinder gehen dann nach Hause und sprechen mit ihren Eltern über die Luftqualität”, sagt sie. Es seien die kleinen Schritte, die Großes bewirken können. Auch bei Redspira haben sie vom Umwelt-Engagement der Border Patrol gehört. Amerikas Grenzschützer sind sonst eher wegen ihrer oft harten Gangart in den Medien. “Das hat uns gewundert”, sagt Torres, “aber klar: Am Ende sind sie auch Menschen.” Sie leiden genauso.

Mike Matzke kennt das. “Die Leute sind immer überrascht, wenn sie sehen, dass wir uns für die Umwelt und die Gemeinde einsetzen”, sagt er, “aber wir sind genauso Teil der Gemeinde.” Er wurde auch schon öfter zu den Meetings der binationalen Behörden-Taskforce eingeladen, noch hat er es nicht geschafft. Auch er wird ungeduldig, wenn zu viel geredet wird. Dafür hat er zu viel zu tun.

Wie viel, das hat er auf einem Whiteboard im Konferenzraum seines Gewerkschaftsbüros zusammengefasst. Darauf hat er all die Giftstoffe notiert, die die Menschen in der Region belasten (siehe Auswahl rechts). Viele kommen etwa vom Saltonsee, dem größten See Kaliforniens. Darin mündet all das Wasser, das durchs Tal nach Norden fließt, durch die Städte und über die Äcker der Bauern. Auch der vergiftete New River kommt dort an. Einst ein beliebtes Reiseziel, gefährdet der Saltonsee mit seiner salzigen Brühe heute die ganze Region. Durch die Dürre der letzten Jahre sinkt der Wasserspiegel, immer mehr Ufer fällt trocken. Der getrocknete Schlamm wird dann vom Wind erfasst und als Staub über die ganze Gegend verteilt.

Und in diesem Staub steckt Gift. Feinstaub, Dünger und Pestizide – Glyphosat etwa und seit Jahrzehnten verbotene Mittel wie Chlordan oder DDT. Noch immer produzieren nur elf Prozent der Bauern im Imperial County organic, also nach den Standards des Bio-Anbaus. Auch Blei, Quecksilber, sogar Uran und Plutonium wurden im Schlamm nachgewiesen – am Saltonsee war lange Zeit ein militärisches Testgebiet. “Seit 30 Jahren wird hier zugeschaut, jetzt muss endlich aufgeräumt werden”, sagt Matzke. “Das sind arme Gemeinden hier, kaum jemand hat Geld für Anwälte. Aber wir als Gewerkschaft haben dieses Geld. Und wenn Meetings nicht helfen, müssen wir eben klagen.”

Matzke hat das Gefühl, dass sein Engagement der Bewegung endlich die nötige politische Schlagkraft bringe. Viele konservative Politiker interessieren sich zwar nicht für Umweltprobleme in der Grenzregion, für die Border Patrol aber schon – anderswo in Kalifornien haben Kollegen geholfen, Hunderte Millionen Dollar zu mobilisieren. Gerade versucht Matzke herauszufinden, wie viele seiner Kollegen in der Region an Krebs erkrankt sind. Und er hat es geschafft, seinen Arbeitgeber zu einer Untersuchung zu bewegen. Einige seiner Kollegen tragen nun Sensoren an ihren Schutzwesten, die die Luftqualität messen. “Die Kontrolleure kommen zwar immer nach einem Regentag, um die Werte auszulesen”, sagt Matzke, “aber immerhin.” Die Feinstaubwerte seien dadurch bislang alle im Rahmen gewesen, aber DDT sei schon nachgewiesen worden. Es sind Ergebnisse, die alle Menschen in der Region dies- und jenseits der Grenze interessieren dürften. Am Ende atmen sie alle dieselbe Luft wie die Beamten der Border Patrol.

Link zum Text auf Zeit Online: https://www.zeit.de/2021/16/mexiko-usa-luftverschmutzung-feinstaub-umweltschutz-verantwortung

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