Arizona Dream

Mirka sitzt in Mexiko, ihr Mann Felipe in den USA. Über zwei, die nicht zueinander dürfen

Text: Johannes Mitterer, Margherita Bettoni , erschienen in Dummy Nr. 67, Sommer 2020

Mirka wartet an der Grenzmauer in Nogales/Mexiko auf ihren Mann
Felipe // Foto: Johannes Mitterer

Es ist kein Gefängnis, in dem Mirka Lopez sitzt, aber es fühlt sich so an. Der Untergrund ist staubig, der Wind bläst einem Sand in die Augen. Am Boden schwingen sich in Beton eingefasste Beete, in denen keine Blume wächst. Steinkalte Bänke, viel Braun, viel Grau. Und vor Mirka, dieser schmalen Frau mit braunen Haaren: eine sandsteinfarbene Mauer, rund sechs Meter hoch, mit Fenstern aus Eisen.

Wenn Mirka nach rechts blickt, hier am Grenzübergang in Nogales, Mexiko, beobachtet sie, wie Leute durch ein Drehkreuz auf die andere Seite der Mauer gehen: Männer, Frauen, Kinder. Hunde. Sie reisen zum Einkaufen, Arbeiten oder zu Familientreffen in ein Land, das nebenan liegt, aber für Mirka noch nie so fern war. Seit vier Monaten sieht sie ihren Mann Felipe nur durch die Löcher der Fenstergitter, die so winzig sind, dass sich nur ihre Fingerkuppen berühren können. Und seit Monaten fragt sich Mirka: “Ist es das wert?”

Mirka, 39, und Felipe, 41, wurden in Nogales in Mexiko geboren, direkt an der US-amerikanischen Grenze. Fast ihr halbes Leben lang kämpfen sie schon dafür, in die USA einzuwandern, ein Land, das sie schon lange gut kennen.

Als sie Kinder waren, war die mexikanische Stadt eng mit der Schwesterstadt verbunden. Nogales in Arizona und Nogales in Sonora/Mexiko, das war wie eine Gemeinde. Familien, die auf beiden Seiten der Grenze lebten, besuchten sich regelmäßig. Bei großen Volksfesten drückten die Grenzbeamten ein Auge zu, die Menschen strömten in beide Richtungen, fast ohne Kontrollen.

Schon in den Achtzigerjahren lebt ein großer Teil von Mirkas Familie in den USA. Oft holen sie ihre Cousins und Cousinen an der Grenze ab, die damals nur aus einem Maschendrahtzaun besteht. Halloween, Thanksgiving, man feiert zusammen, auch wenn man manchmal an der Grenze ein bisschen länger warten muss, es ist viel los an solchen Tagen.

Mirka und Felipe lernen sich in der Schule kennen, und während sie ihren Abschluss machen, wird aus dem Maschendrahtzaun an der Grenze allmählich etwas Größeres. Im Jahr 1994 beginnt der damalige US-Präsident Bill Clinton, die Grenze zu Mexiko zu verstärken. Regionen, die keine natürlichen Barrieren besitzen, sollen konsequent abgeschottet werden, um die illegale Migration zu stoppen. Das betrifft vor allem die Städte, in denen mexikanisches und amerikanisches Leben längst verschmolzen sind. Auch zwischen den beiden Nogales reißen Bagger eine Wunde. Sie trennen den nördlichen Teil der Gemeinde ab und nähen ihn mit Eisen und Stacheldraht wieder an.

Im Jahr 2000 heiraten Mirka und Felipe, sie ist damals zwanzig, er einundzwanzig. Gemeinsam ziehen sie zu Felipes Mutter und seinen drei jüngeren Geschwistern. Sein Vater lebt damals schon allein in den USA und versucht von dort, seine Familie nachzuholen. Irgendwann geben die amerikanischen Behörden grünes Licht, doch nur für die Mutter und die kleineren Kinder. Felipe muss in Mexiko bleiben, weil er bereits volljährig ist. Mirka bleibt bei ihm.

Als Mirka zum ersten Mal schwanger wird, beschließen die beiden, das Kind in den USA zu bekommen. Obwohl die Einreiseverschärfungen im vollen Gange sind, muss Mirka bei der Grenzüberquerung kurz vor der Geburt lediglich nachweisen, dass sie die Kosten für das Krankenhaus im Voraus bezahlt hat. So kommt Mirkas und Felipes Sohn, der ebenfalls Felipe heißt, im Jahr 2001 als US-Bürger zur Welt, ebenso vier Jahre später ihre Tochter Amelie.

Während was Paar weiterhin auf eine Aufenthaltsgenehmigung in den USA hofft, kommen die Kinder in Mexiko in die Schule. Dort fehlen Trinkwasser und Klopapier, Amelie wird das Pausenbrot gestohlen. Viele Kinder kommen hungrig zur Schule, erklärt eine Lehrerin, und nehmen sich dann, was sie kriegen können. Ihre Kinder sollen es besser haben, finden Mirka und Felipe, und treffen einen schweren Entschluss. Sie übertragen das Sorgerecht auf Felipes Eltern und schicken die Kinder in die USA.

Zu diesem Zeitpunkt sieht die Grenze bereits mehr und mehr aus wie die Außenmauer eines Gefängnisses: meterhohe Sperranlagen mit Stacheldraht und Videokameras. Egal ob George W. Bush, Barack Obama oder Donald Trump, jeder neue US-Präsident bedeutet mehr Grenzpolizei, mehr Überwachung, mehr Abschottung.

Dann, nach sechzehn Jahren des Wartens, bekommt Felipe plötzlich seine Aufenthaltsgenehmigung. Es ist die Antwort auf den Antrag, den damals noch sein Vater für ihn gestellt hatte. Felipe und Mirka beschließen, dass er in die USA geht und sie so schnell wie möglich nachholt. Bis dahin darf Mirka immerhin als Touristin über die Grenze und Felipe zu ihr nach Mexiko reisen.

So vergehen zwei weitere Jahre, in denen die beiden auf den Entscheid warten, der Mirka als Ehefrau nachziehen lässt. Dann schließlich kommt die Einladung zu einer Anhörung. Mirka und Felipe informieren sich und vermuten, dass die Behörden prüfen wollen, ob sie ein richtiges Ehepaar sind. Einige versuchten wohl, so hören sie, sich über Zweckbündnisse Aufenthaltspapiere zu erschleichen. Eine Formsache, denke beide. Eine Anwältin aus Tucson rät Mirka, die Formalien für den Nachzug direkt aus den USA zu erledigen.

Im Spätsommer 2019 kündigt Mirka ihren Job als Friseurin, verlässt Mexiko und reist zu Felipe. Sie können ihr Glück kaum fassen.

Am Tag nach Mirkas Ankunft fahren sie zusammen nach Tucson und holen dort ihren neunzehnjährigen Sohn von einem Sommercamp ab. “Es war so schön, nach der Schule für ihn da zu sein”, sagt Mirka. Endlich wieder Muteter sein. Zuhause holen sie mit einem großen Frühstück Mirkas Geburtstagsparty nach, es gibt Waffeln und Obst. Im Juli hatte sie noch alleine in Mexiko gefeiert. Mirka erinnert sich an diese Monate wie an ein wunderbares Geschenk.

In dieser Zeit bereiten sie sich auf das Interview vor. Sie tragen Beweise zusammen, die eine echte Liebesheirat belegen: Fotos aus verschiedenen Lebensphasen, ohne Kinder, mit Kindern, Bankauszüge eines gemeinsamen Kontos. Eine Enzyklopädie einer jungen, intakten Familie.

Im Oktober 2019 ist es so weit. Mirka ist nervös vor dem Termin, ihre Anwältin hingegen guter Dinge. Gerade habe sie ein russisches Ehepaar erfolgreich durch die Anhörung gebracht, beruhigt sie Mirka.

Das Gespräch, erinnert sich Mirka, beginnt freundlich, kippt aber schnell. Die Beamtin hat ein Dokument aus dem Jahr 2005 ausgegraben. Es besagt, dass Mirka und Felipe verheiratet sind. Doch Felipes Vater habe damals eine Aufenthaltsgenehmigung für einen alleinstehenden Mann beantragt, nicht für einen verheirateten Ehemann. Ein Formfehler, weshalb Mirka nicht nachziehen könne. Ihr Visum wird ihr noch an Ort und Stelle weggenommen. In vierzehn Tagen, erklärt die Beamte noch, komme ein neuer Anhörungstermin per Post. Wie sie ohne Visum aus Mexiko zu dem Termin in den USA kommen solle, fragt Mirka. Die Antwort: Das sei ihr Problem.

Es ist nicht nur die Ablehnung, die Mirka in eine Krise stürzt, es ist auch die Art, wie man mit ihr umgeht. “Sie geben dir das Gefühl, du seist eine Kriminelle, dabei haben wir immer versucht, alles richtig zu machen.” In der Zeit nach der Anhörung fürchtet Mirka ständig, verhaftet zu werden. Sie verlässt das Haus nicht mehr, die Kinder dürfen die Tür nicht öffnen. An Schulfesten nimmt sie nicht teil, sie redet mit niemandem. Kurz vor Weihnachten kommt schließlich ein neues Schreiben. Es ist kein neuer Termin, sondern die Aufforderung, die USA innerhalb von 33 Tagen zu verlassen.

Kurz überlegen sie, ob Mirka illegal im Land bleiben soll, bei ihrem Mann und ihren Kindern. “Was hätten meine Kinder von einer gestressten, depressiven, sinnlosen Mutter? Ich hätte nicht arbeiten, meine Tochter nicht zur Schule bringen können”, sagt Mirka. “Das war es nicht wert”.

Die Grenze wurde inzwischen weiter hochgerüstet. Ein Monstrum aus Betonplatten, Stacheldraht und vergitterten Fenstern, an denen sich auf beiden Seiten Menschen tummeln, die sich nah sein wollen, aber nicht können. Ende Januar dieses Jahres geht Mirka durch das Drehkreuz in der Mauer zurück in ihr altes Leben, das nicht mehr ganz das alte ist. Ihre Tochter Amelie, sie ist mittlerweile 15, begleitet sie, sie will bei ihrer Mutter leben. Dafür steht Amelie jeden Morgen um fünf Uhr auf. Der Schulweg über die Grenze dauert eine Stunde. Felipe treffen Mutter und Tochter jeden Sonntag an der Grenze. Solange sein Status nicht klar ist, kann er die USA nicht verlassen, ohne seine Aufenthaltsgenehmigung zu verlieren.

Noch hofft Felipe, dass Mirka doch noch nachkommen darf, bald. Wie weiß man, wann ein Traum geplatzt ist? “Manchmal glaube ich, Felipe würde sich in Mexiko besser fühlen”, sagt Mirka. “Ökonomisch würde es uns nicht so gut gehen, aber wir wären zusammen, in Frieden, das ist unbezahlbar.”

Natürlich wäre es schlimm, wieder von der Familie und ihrem Sohn getrennt zu sein. Aber wenn sie sieht, was ihre Kinder schon erreicht haben, kehrt Mirkas Stolz zurück. Ihr Sohn hat für sein Informatikstudium bereits zwei Stipendien bekommen, Amelie wurde in ein Kunstförderprogramm der Universität von Arizona in Tucson aufgenommen. “Wir haben den USA gute Bürger geschenkt”, sagt Mirka. Auch wenn sie selbst von den USA wenig zurückbekommen haben. //